Kultur

Kunst Staatsgalerie Stuttgart zeigt in „Variation und Vollendung“ Plastiken in unterschiedlichen Materialien wie Bronze, Gips und Terrakotta / 69 Papierarbeiten ausgestellt

Lehmbruck-Werke: Neuerwerbungen zu sehen

Archivartikel

Der Dichter Hans Bethge spricht am Grabe Wilhelm Lehmbrucks von der „evahaften Ursprünglichkeit“ der Figuren in den Zeichnungen und graphischen Arbeiten des Freundes. Das ist schön gesagt und passt genau zu dem von dem Schriftsteller und Kritiker Paul Westheim überlieferten Künstlerwort, wonach jedes Kunstwerk „etwas von den ersten Schöpfungstagen“ haben solle. Vielleicht ist es die Mischung aus solcher Urtümlichkeit und Modernität, die das bildhauerische Schaffen Wilhelm Lehmbrucks auszeichnet; jedenfalls verleiht sie ihm seine besondere Faszination.

Neben 34 Skulpturen des 1919 mit 38 Jahren aus dem Leben geschiedenen Künstlers zeigt die Staatsgalerie Stuttgart jetzt auch ein Gemälde sowie 75 Arbeiten auf Papier – darunter eine ganze Reihe von Neuerwerbungen der jüngsten Zeit. Lehmbruck und Stuttgart – das ist eine lange Geschichte, die sich indes auf sein künstlerisches Werk und die Angehörigen beschränkt. Bereits 1921 erwarb die Vorgängerinstitution der Staatsgalerie zwei Plastiken des Frühverstorbenen. Weitere Werke kamen hinzu, die dann 1937 als sogenannte entartete Kunst beschlagnahmt wurden.

Nach dem Krieg erwarb die Staatsgalerie zusätzliche Werke und ehrte den Künstler 1949 mit einer umfangreichen Retrospektive. Seit den 1950er-Jahren stellten erst Lehmbrucks Witwe Anita, später auch die Söhne – von denen zwei wie die Mutter Stuttgart als Wohnsitz wählten – der Staatsgalerie als Dauerleihgaben viele Plastiken, Gemälde und Papierarbeiten aus dem Nachlass zur Verfügung. Jetzt sind mit Hilfe von Mitteln des Landes, der Kulturstiftung der Länder sowie der Ernst von Siemens Stiftung drei weitere Plastiken und 69 Papierarbeiten in den Besitz des Museums gelangt. Damit kann sich die Staatsgalerie nach dem Lehmbruck Museum in Duisburg der zweitgrößten öffentlichen Sammlung an Werken des Künstlers rühmen.

Thema der Ausstellung „Variation und Vollendung“, der im Graphikkabinett die Schau „Die Bedeutung der Linie“ mit Papierarbeiten zur Seite tritt, ist das Phänomen, dass der Künstler seine Plastiken häufig in verschiedenen Materialien gießen und auch Schnittvarianten herstellen ließ; so heißen partielle Wiedergaben einer ganzfigurigen Plastik wie etwa die Büste.

Zunehmend melancholische Note

Lehmbruck erweitert also das klassische Repertoire von Marmor und Bronze, experimentiert mit so unterschiedlichen Materialien wie Gips, Steinguss, Stucco oder Terrakotta. Wobei die wechselnde Oberflächenbeschaffenheit und Farbe der identischen Plastik eine jeweils andere Note und Nuance verleiht.

Die Ausstellung reiht verschiedene Material-Fassungen und Schnittvarianten der „Kleinen“ und der „Großen Sinnenden“, der „Knienden“, „Schreitenden“ oder des „Emporsteigenden Jünglings“ aneinander. Dass der Künstler selbst seine grafischen Arbeiten den Plastiken gleichwertig zur Seite stellte, sollte unsere Aufmerksamkeit für sie schärfen. Die zunehmend melancholische Note seiner plastischen wie grafischen Figuren seit 1914 aber lässt den Freitod als Reaktion auf die Menschheitskatastrophe des Ersten Weltkriegs erscheinen.