Kultur

Kunst Der Pariser Louvre zeigt eine große Retrospektive vom Werk da Vincis / Anlass ist sein 500. Todesjahr

Leonardos Geheimnisse

Archivartikel

Der blaue Teppich ist ausgerollt. „Léonard de Vinci“ steht in weißen Lettern darauf und er führt direkt zur Glaspyramide vor dem Pariser Louvre. Dieser präsentiert mit einer Retrospektive von Leonardo da Vincis Werk seine bedeutendste Ausstellung des Jahres.

Seit Juni kann man unter Angabe eines genauen Zeitfensters Tickets für die Schau reservieren, die bis 24. Februar 2020 läuft. Groß wird der Andrang sein: Bereits beim Start des Kartenverkaufs brach zunächst die Internetseite des Louvre zusammen. Dabei erschien bis zuletzt unklar, welche der knapp 20 Gemälde, die Spezialisten dem Renaissance-Maler zuordnen, gezeigt werden können. Vor allem mit seinem Heimatland Italien lieferte sich Frankreich, wo da Vinci die letzten drei Jahre vor seinem Tod vor genau 500 Jahren an der Seite von König Franz I. an der Loire verbracht hat, ein diplomatisches Tauziehen.

Letztlich hängen elf seiner Gemälde an den Wänden des Louvre, darunter die Mona Lisa, die an ihrem Original-Platz in der permanenten Ausstellung bleibt. Mit fast 180 Werken, darunter Skulpturen, Zeichnungen, Studien, wissenschaftlichen Schriften und Original-Notizbüchern handele es sich um die größte Schau über da Vinci überhaupt, rühmen sich die Kuratoren Louis Frank und Vincent Delieuvin. Zehn Jahre durchpflügten sie seine Schriften und jene seiner Zeit; eine Gewissheit ging aus ihrer Forschungsarbeit hervor: Die „Wissenschaft der Malerei“, wie da Vinci sie nannte, sei im Zentrum seiner Arbeit gewesen; ihr bediente er sich als Mittel zur Erkenntnis. Delieuvin zufolge war er „in erster Linie Maler und nicht nur ein Geist, der sich in alle Richtungen zerstreute“.

Frühe Stadien von Werken

Dabei gibt die Ausstellung nicht unbedingt diesen Eindruck wieder. Ja, sie zeigt Meisterwerke wie „Anna selbdritt“, „Johannes der Täufer“ und „La Belle Ferronniere“, die zuvor aufwendig restauriert wurden, sowie den „Vitruvianischen Menschen“ – um das Bild war bis zuletzt gepokert worden, hatte doch die italienische Justiz noch vor zwei Wochen ein Veto gegen die Leihgabe eingelegt, bis sie sie schließlich doch zuließ.

Manche Gemälde wie der „Salvator Mundi“ oder die „Dame mit dem Hermelin“, die aufgrund ihres fragilen Zustands den Transport vom Krakauer Nationalmuseum nach Paris nicht machen konnte, sind als „Infrarotreflektographie“ zu sehen: Diese Darstellungsform enthüllt die Unterzeichnung der Malerei auf dem Kreidegrund der Holztafeln und erlaubt so, die frühen Umrisse sowie spätere Veränderungen zu entdecken.

Und doch – obwohl die Macher der Ausstellung auf den Maler da Vinci abheben, vermittelt diese gerade auch einen faszinierenden Eindruck vom „Universalgenie“. In präzisen Schriften und Zeichnungen analysierte er den Flug von Vögeln mit dem und gegen den Wind, versuchte den Aufbau der menschlichen Anatomie zu verstehen, interessierte sich für Architektur, Vogel- und Pflanzenkunde, entwarf Fluggeräte.

Und ebenso wie die Kuratoren das sprunghafte Leben da Vincis erklärtermaßen nicht chronologisch einteilen wollten, kommen sie kaum umhin, hat er sich doch mit seinen Erfahrungen, Lehrmeistern und Etappen entwickelt.

Einsatz von neuer Technik

Demnach begann alles im Atelier von Andrea del Verrocchio, dessen Skulptur vom „Ungläubigen Thomas“ gezeigt wird: Hier lernte der junge Leonardo, dass Raum und Form aus dem Spiel aus Licht und Schatten entstehen. Für die Malerei fand er so die Freiheit, von der makellosen und doch leblos erscheinenden Form weg zur Darstellung nach Bewegung zu gelangen für die „perfekte Wiedergabe des Lebens“. Darin, so die Kuratoren, bestehe die „leonardische Revolution“, seine unbedingte Modernität.

Modernität sucht auch der Louvre, indem er ein siebenminütiges Erlebnis virtueller Realität anbietet: Eine sogenannte VR-Brille ermöglicht jenen, die lange genug in der Schlange ausharren, das Eintauchen in die Mona Lisa, in Details und Gemäldeschichten – aber nicht das Enträtseln ihres hintergründigen Lächelns. Dieses Geheimnis da Vincis bleibt ungelüftet.

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