Kultur

Klassik Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit Shakespeare-Vertonungen von Reimann und Mendelssohn im Rosengarten

Lernen durch Leiden

Mannheim.Verrückte gibt es in allen Stücken Shakespeares. Auch in seinen Komödien, wo Verliebte sich oft närrisch verhalten und nicht unbedingt dem entsprechen, was bürgerliche Sentimentalität von ihnen erwartet. Aber nirgendwo ist das Irresein so grauenvoll ausgeprägt wie in der Tragödie von "König Lear". Schließlich erblicken wir Menschen, die sich fast ständig außerhalb der Vernünftigkeit bewegen. Hier herrschen Hass, Folter und Mord. Ein Riss, der mitten durch die Schöpfung geht.

Als Aribert Reimann zwischen 1968 und 1978 an seiner Oper "Lear" schrieb, die 1981, drei Jahre nach der Münchner Uraufführung in Mannheim Premiere hatte mit einem grandiosen Franz Mazura in der Titelrolle, muss er zuvor sein soziales Umfeld scharf beobachtet haben, um dieses ferne blutige Schreckensmärchen uns komponierend nahe zu bringen. Dabei mag ihm die Devise der Moderne, dass eine Kunst, die wahr sein will, in einer hässlichen Welt nicht schön sein könne, hilfreich gewesen sein.

"König Lear" für Bariton

So viel Isolation eines Menschen in totaler Einsamkeit schockt im Musensaal des Mannheimer Rosengartens noch heute. Denn was die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens in Anwesenheit des inzwischen 81-jährigen Komponisten den Fragmenten aus "Lear" für Bariton und Orchester an bestürzend kühner Expressivität abringt, beschwört einen Wahnsinn voll furchterregender rabiater Ausbrüche. Ein Menschenbeben, das Michael Nagys genau artikulierende Stimme präzise und einfühlsam auslotet, auch dort, wo Lear das ganze Ausmaß seiner inneren Gefährdung kaum noch erträgt. Felix Mendelssohns Vertonungen zum "Sommernachtstraum" lassen vieles harmloser erklingen, als es Shakespeare vermutlich meinte. Herrscht hier doch ein melancholisches Chaos der Gefühle, das die Geister später nur noch vollends verwirren. Doch die an Genüssen so reiche Musik verschweigt solche Zwietracht.

Allein der von Hansgünther Heyme verfasste und glänzend gesprochene Text (Gut gebrüllt, Löwe!) erinnert bisweilen an die Abgründe zwischen den Personen.

Atmosphärisch musiziert

Im Wald, in der angeblich freien Natur, das merkt man rasch, findet niemand eine neue Welt, sondern nur den alten Wahnsinn. Obwohl die Staatsphilharmonie unter Steffens leicht und atmosphärisch musiziert, die Sopranistinnen Saem You und Angela Shin sowie der Frauenchor des Beethovenchores Ludwigshafen anmutige sängerische Akzente setzen und entscheidend zu dem erfreulich geschlossenen Klangbild beitragen, erweist sich die Aufführung auf Dauer als etwas ermüdend.