Kultur

Licht und Schatten

Claus Boesser-Ferrari über den Reformator

Luther stehe ich äußerst ambivalent gegenüber. Zunächst steht er für zivilen Ungehorsam, für den Widerstand gegen die übermächtige Katholische Kirche und deren geschäftstüchtiges Ablass-Modell. Mit seiner Bibelübersetzung hat er eine gewisse Demokratisierung innerhalb der Amtskirche eingeleitet, die sich aber aus meiner Sicht sehr begrenzt weiter entwickelt hat. In den Bauernkriegen hat er sich allerdings auf die Seite der Mächtigen geschlagen und die Aufständischen beschimpft und verschmäht. Ich habe am Hamburger Schauspielhaus die Musik zu Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" geschrieben und live gespielt. Bei Lesen.Hören in der Feuerwache haben wir das Stück letztes Jahr als intermediale Inszenierung präsentiert. Hier ist mir Luther wieder begegnet: Kohlhaas, der ihn um Beistand bittet, wird von Luther ermahnt, seinen Rachefeldzug gegen das korrupte Herrschaftssystem (der natürlich auch unschuldige Opfer gefordert hat) zu stoppen.

In Laudenbach, wo ich wohne, wurde 1936 die Renovierung der Dorfkirche durch Anhänger der Deutschen Christen im Stil der Architektur des Dritten Reiches gestaltet. Im Anschluss wurde die Kirche nach Martin-Luther benannt. Es gibt dort heute noch Fenster aus dieser Zeit mit entsprechenden Parolen - nun als Mahnmal. Hier hat sich Luthers leidenschaftlicher Judenhass auf bizarre Weise ausgewirkt und verewigt. Es drängt sich Pascals Bild vom Menschen als Engel und Bestie auf - die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit ist hauchdünn und dahinter lauern Dogma und Fundamentalismus.

Claus Boesser-Ferrari ist ein weltweit gefragter Gitarrist zwischen Folk, Jazz und Avantgarde. Er lebt in Laudenbach.