Kultur

Das Interview Broilers-Sänger Sammy Amara über Diskriminierung, die Terrorpause bei Rock am Ring und sein Mannheimer Konzert

"Mal die Perspektive wechseln"

Das zweite Nummer-eins-Album in Folge, Konzertabbruch wegen Terrorwarnung bei Rock am Ring, folgenreicher Talkshowauftritt bei Markus Lanz - es war ein bewegtes Jahr für Broilers-Sänger Sammy Amara. Auf Interview-Tour in Mannheims Alter Feuerwache blickt der Halb-Iraker aus Düsseldorf zurück - und voraus auf das Broilers-Konzert am 15. Dezember in der Maimarkthalle.

Herr Amara, nachdem Marek Lieberberg am 2. Juni neben Ihnen auf der Bühne auftauchte und das Festival Rock am Ring wegen einer Terrorwarnung unterbrach - wie lange haben Sie gebraucht, um den Schock zu verarbeiten?

Sammy Amara: Wir hatten erstmal gar keine Ahnung, was los war. Dann herrschte Unverständnis - und Sorge: Was ist wirklich passiert? Schön war, dass wir am nächsten Tag noch mal gespielt haben. Da war dann das Motto: "Jetzt erst recht!"

So nah war Ihnen so ein Schreckensszenario vorher noch nie?

Amara: Ja, und das war ... ein ganz beschissenes Gefühl.

Gut einen Monat zuvor haben Sie in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz über Alltagsrassismus gesprochen, den Sie erleben. Hatte das Auswirkungen im Alltag?

Amara: In meinem direkten Umfeld gibt es natürlich keine zweifelhaften Menschen. Aber schon am nächsten Tag wurde ich beim Spazierengehen mit meinem Hund von jedem Zweiten angesprochen. Außerdem hatte ich mir auf Empfehlung einer Redakteurin der Sendung die volle Kante gegeben - und quasi parallel Twitter gelesen. Da gab es vier, fünf Berufsgestörte, die mich derart rassistisch beschimpft haben, dass ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus kam. . Harte Nummer... das hätte ich nicht machen sollen. Das war ja auch das erste Mal, dass ich in dieser Form im Fernsehen aufgetreten bin. Und kein Spaziergang.

Warum?

Amara: Um mich herum saßen einige Politiker. Und als es dann ums Thema Rasterfahndung ging, konnte ich meine Klappe nicht halten - denn das ist ein Thema, das mich wegen meines Äußeren betrifft und vermutlich noch stärker betreffen wird. Als tätowierter dunkler Typ werde ich jetzt schon oft genug angehalten - nach dem Motto: Warum fährt der kein cremefarbenes Auto mit Taxischild.

Wie empfinden Sie das gesellschaftliche Klima zurzeit?

Amara: Ich will das nicht so schwarz-malen. Das Positive überwiegt doch bei Weitem: Da, wo ich in Düsseldorf wohne, oder wenn wir zwei hier im Café der Alten Feuerwache sitzen - da ist das alles gar kein Thema. Da sitzen und leben verschiedenste Menschen zusammen und es läuft. Das kann man nicht oft genug erwähnen.

Wie erleben Sie den europaweiten Rechtsruck in der Politik?

Amara: Ich muss zugeben, dass ich zuletzt enorme Dämpfer verspürt habe. Nicht nur, dass mich Nachrichten oft extrem runterziehen. Ich habe mir nach der Bundestagswahl auch zum ersten Mal den Gedanken gemacht: Was wäre denn, wenn ... das Gleiche noch mal passiert wie im Dritten Reich? Wo würde ich denn hingehen? Und ganz konkret: Was wäre mit uns als Band?

Wie erklären Sie sich die Entfremdung von der Politik in Teilen der Bevölkerung?

Amara: Eine große Rolle spielt das Internet. Und die Möglichkeit, dass jeder seinen Mist ungefiltert ins Netz stellen kann. Stichwort: "alternative Fakten". Dazu kommt - leider - gut funktionierende Propaganda der Rechten. Diese ganzen Skandalgeschichten. Das funktioniert wie bei bestimmten Bands, die auch nur durch künstlich inszenierte Skandale ihre Berechtigung haben. Der Mensch ist einfach gestrickt: Über wen man spricht, der ist interessant. Und es wurde die ganze Zeit nur über die Rechten gesprochen. Wenn über Linke gesprochen wurde, dann - etwa beim G20-Gipfel als Chaoten. Was wiederum den Rechten nützt.

Was kann man tun als jemand, der in der Öffentlichkeit steht?

Amara: Ich glaube nicht, dass wir mit unserer Musik die ganz jungen Leute erreichen. Aber unseren Altersgenossen können wir einen Denkanstoß geben. Zum Beispiel durch unser Lied "Ich will hier nicht sein", einfach mal die Perspektive zu wechseln und zu verstehen, dass Flüchtlinge nicht freiwillig und weil es so viel Spaß macht ihre Heimat verlassen.

Kann der Rechtsruck auch etwas Gutes haben? Weil man eher weiß, mit wem man es zu tun hat?

Amara: Mir ist das Auftreten mit offenem Visier auf jeden Fall lieber, als wenn die Leute verdeckt rechts sind. Da weiß ich, gegen wen ich sein kann. Viele sagen ja, der Anteil sei schon immer so groß gewesen. Das glaube ich nicht. Es ist mehr geworden. Auch, weil viele Leute vergessen haben, was von Deutschland einmal ausgegangen ist. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist doch oft nur eine Selfie-Station. Ich finde auch nicht, dass man pauschal sagen kann, es geht einem Großteil der Menschen schlechter als früher. Eher im Gegenteil. Ich rede nicht über alte Menschen, die Flaschen sammeln müssen. Aber wenn die größte Sorge der jungen Leute ist, wie sie an die neusten IPhones oder Nikes kommen - dann kann der Hunger nicht so groß sein.

Haben Sie ein Herz in Heidelberg, wo Ihr Vater studiert hat?

Amara: Nicht wirklich. Aber er hat strahlende Augen bekommen, als ich erzählt habe, dass ich nach Mannheim fahre.

Was erwartet die Fans am 15. Dezember in der Maimarkthalle?

Amara: Wir werden Lieder reinnehmen, die wir auf der ersten Hälfte der Tour nicht gespielt haben. Und ansonsten tun, was wir gerne tun: Zwei Stunden lang die Leute durchzurühren und die Maimarkthalle ... die wollen wir einfach abreißen!

Nach zwei Nummer-eins-Alben in Folge: Steigt der Druck für den Nachfolger von "(sic!!)"?

Amara: Ja, aber den mache ich mir vor allem selber. Aber vielleicht gibt es beim nächsten Album einen Befreiungsschlag - und Platz 20. Dann ist wieder alles gut (lacht).