Kultur

Filmfestival „Wir wären andere Menschen“ zeichnet berührendes Porträt eines Traumatisierten / „Totgeschwiegen“ wühlt auf

Manche Wunden heilen nie

Dumpf. Wackelig. Manchmal auch unscharf. So sind die filmischen Bilder in „Wir wären andere Menschen“ (Regie: Jan Bonny). Genauso sind zugleich die Vorgänge im Kopf der Hauptfigur Rupert (Matthias Brandt). Seine Eltern und ein Freund wurden vor seinen Augen von Polizisten getötet. Im Film wird Rupert von der Kamera begleitet wie von seiner Vergangenheit: Stets sitzt sie ihm im Nacken. Macht ihn zum Gejagten, zum Getriebenen.

Unfähig zum Alltagsleben

Doch Rupert kehrt zurück in seine Heimat. Zieht ins Haus seiner Eltern. Im gleichen Wohnzimmer, wo sie erschossen wurden, sitzt er auf dem Boden und versucht, mit seiner Frau Sex zu haben. Aber es gelingt ihm nicht. Das Trauma macht es Rupert unmöglich, einen normalen Alltag zu leben. Bizarr prallen im Film immer wieder das Jetzt und das Vergangene aufeinander. Die gleichgelassene Möblierung im Elternhaus sorgt zusammen mit Flashback-Rückblenden für das Verschwimmen von damals und heute. Die Vergangenheit lässt Rupert nicht los.

Er stolpert durch sein Leben. Die Kamera hinter ihm. Wenn er „Was’n?“ sagt und doch mal unbedarft in die Linse blickt, ist man ihm unglaublich nah. Und wird mitfühlend mit seiner Ausnahmesituation.

Rupert ist zwar nahbar vor der Kamera – aber unnahbar im täglichen Leben. Er lebt in einer Blase, die sich Alltag nennt und schützt sich durch einen Panzer namens Verdrängung. Doch selbst wenn das Trauma und seine Folgen zuschlagen, lässt die Kamera Rupert nicht allein. Es sind intensive Szenen im Close-up, die Panikattacken und Tagträume Ruperts zeigen. Ein Trigger – und die Vergangenheit ist wieder da.

Doch dann handelt Rupert. Und wird selbst zum Täter. Hilflosigkeit schlägt in Gewalt um. Die Wandlung der Figur lässt einem den Atem stocken. Trotzdem bleibt man ganz eng bei ihm. Und merkt wie taktlos, unempathisch und unsensibel eigentlich seine Umgebung, inklusive engster Bekannter, die ganze Zeit gewesen ist.

Ein Film der Kontraste ist „Totgeschwiegen“ (Regie: Franziska Schlotterer). Drei Jugendliche sind in den Totschlag eines Obdachlosen verwickelt – die Eltern finden es heraus. Dabei seziert der Film den Mikrokosmos Familie und seine Dynamiken. Insbesondere den Umgang mit dem Nichtwahrhabenwollen der Tatsache, dass das eigene Fleisch und Blut getötet hat. Vor teurem Mobiliar in warmem Licht erscheinen die noch unwissenden Eltern am Tag nach der Tat. Rücken jedoch die Kinder ins Licht, ist dieses kalt und lässt sie leichenblass-grau wirken. Alltagssätze wie „Komme!“, „Essen ist fertig!“ bauen plötzlich eine sonderbare und beklemmende Drohkulisse auf. Bei Kindern wie Zusehenden. Zwischen Cellounterricht und Lasagne zum Abendessen schieben sich plötzlich Suizidversuch und Psychotherapie. Und Schuld. Die treibt die Suche nach der Identität des Obdachlosen an. Wer war er? Wie hat er gelebt? Man erkennt in dessen Lebenslauf sowie in dem der jungen Täter, dass Menschen immer die Summe ihrer Umstände sind.

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