Kultur

Mannheimer Sommer II An den letzten beiden Abenden vermischen sich Opern- und Partywesen – und es gibt ein hoffnungsfrohes „Requiem“

Mannheim als musikalische Welthauptstadt

Archivartikel

Vorsicht, dies ist eine Bühnenproduktion, die produktive Missverständnisse erzeugen möchte. Und deswegen auch oft missverstanden wird, etwa im traditionsbewussten und -verliebten Wien – dort sprach man von „Mozart-Zerpflückung“. Die Besucher pfiffen. Doch in Mannheim jubeln sie, und ohne übertriebenen Lokalpatriotismus darf man sagen: Diese Mannheimer liegen mal wieder ziemlich richtig.

Worum geht es? „Les robots ne connaissent pas le blues“ bringt mitteleuropäisches Musiktheater, Migration und Pop zusammen. Ausgangspunkt ist Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Es treten auf: professionelle Opernsänger, ein Orchester, eine deutsch-ivorische Performancegruppe und ein Schauspieler.

Der Clou der Produktion, die am Theater Bremen konzipiert wurde (der neue Nationaltheater-Sänger Patrick Zielke hat sie sozusagen von dort mitgebracht), ist eine Umkehrung der Perspektive: Nicht die saturierten Europäer schauen auf das „Fremde“, sondern „Fremde“ in Gestalt der afrikanischen Performer schauen auf die Gattung Oper. Geben eine Außenanalyse und entstellen sie gelegentlich zur Kenntlichkeit.

Gemeinheiten des Gesanglehrers

Etwa, wenn sie in der „Entführung“ feststellen, dass Europäer offenbar nie Sklaven sein dürfen, die anderen dagegen schon. Die Analytiker aus Afrika sind Realisten: „Geld ist das Benzin der Liebe“, sagen sie, und nicht nur, weil man mit viel Geld Ferraris kaufen kann. Die Opernsänger widersprechen – aber überdenken ihre manchmal fast roboterhafte Rolle auch.

Die Sopranistin Nicole Chevalier erinnert sich in ihrer Arie „Martern aller Arten“ gleichzeitig an die Gemeinheiten ihres Gesangslehrers. Und später singt sie einen Song der Pet Shop Boys. Beliebig freilich wird der Abend nie, man könnte sogar sagen: Selten war man Mozart näher. Nicht bloß, weil das Publikum auch auf der Bühne sitzen darf.

Gewagte Stilmischung

Um neue Perspektiven geht es auch im „Mannheim Requiem“. Jan Dvorák, Komponist und Nationaltheater-Dramaturg, hat dafür ein zehn Jahre altes Stück bearbeitet. Es ist ein Stück von Untergang durch Gier („Der Wasserturm schwoll an wie ein Ballon“) und Wiederauferstehung, Mannheim wird am Schluss sogar zur Welthauptstadt erhoben.

Doch die abendländische Musikgeschichte muss deshalb nicht umgeschrieben werden, Dvorák frönt den Wonnen des Eklektischen. Alles ist drin in diesem „Requiem“: moderne Klassik, Jazz, Pop, Musical. Im Zentrum einer opulenten Aufführung im Opernhaus waltet der „Alphabet“-Chor aus Mannheimer Bürgern. Einen separaten starken Beitrag leistet auch der „Teilchen“-Popchor der Musikschule aus einem guten halben Dutzend junger Damen.

Junge Damen sieht man später auf der Tanzfläche der Abschlussparty ebenfalls, am Mischpult steht Ted Gaier, der in „Les robots ne connaissent pas le blues“ das Sounddesign besorgt. Auch die ivorischen Performer hat er wieder mitgebracht. „Links! Rechts!“, und „Oben! Unten!“, rufen sie zu den Elektrobeats. Das hört sich afrikanisch, aber im Kommando-Ton auch fast ein bisschen preußisch an. Die Damen folgen.