Kultur

Internationales Filmfestival Vor der Preisverleihung am Sonntag erweist sich manches im Wettbewerb als preiswürdig, anderes gar nicht

Mannheim-Heidelberg: Von Anfängen und zu viel Nähe

Es ist ein Einstieg von fast biblischer Wucht. Als der Prediger im Saal von Abrahams Opfer spricht, von der Bereitschaft, Gott auch dann zu gehorchen, wenn der fordert, den eigenen Sohn zu töten – gerade da bricht Feuer aus, lässt lodernde Flammen aufsteigen, die die Zuhörer in Panik versetzen – und die ebenfalls biblische Assoziationen wecken an den brennenden Dornbusch, aus dem der Herr zu Mose spricht. Dann heißt der Film, der so beginnt, auch noch „Beginning“, also Anfang, und lässt weitere biblische Motive anklingen.

Harte Geduldsprobe

Die eingangs gezeigte Gemeinde gehört den Zeugen Jehovas an, die Hauptfigur Yana ist mit ihrer Familie ein Teil davon. Ihr Ehemann steht der Gemeinde vor, auf die offenbar ein Anschlag verübt worden ist. Wie dieser aber rätselhaft bleibt, so ergeht es einem mit den Figuren und ihren Beziehungen. Von Herzlichkeit und Ehrlichkeit bestimmt sind sie jedenfalls nicht. Yana, eigentlich Schauspielerin, scheint sich in einer Opferrolle einzurichten; irritierend wirkt ihr Tun, und dazu passt, dass die Bilder oft im Halbschatten liegen. Immerzu meint man, noch mehr in diesen Bildern erkennen zu können oder zu müssen, da sie eigentlich so geordnet erscheinen; entsprechend sind hier Kamerafahrten allenfalls langsam.

Doch man kommt den Bildern so schwer auf den Grund wie den Figuren und dem Geschehen. Die im Wettbewerb gezeigte georgisch-französische Produktion, das Spielfilmdebüt der Regisseurin Dea Kulumbegashvili, gehört zu den spannendsten und eigenwilligsten Kinostücken dieses Festivaljahrgangs und darf gewiss zu den Favoriten auf den Hauptpreis zählen, der am Sonntagvormittag verliehen werden soll – auch wenn die Vergabe nicht sonderlich originell wäre, da der Film bereits in San Sebastian gleich vierfach ausgezeichnet worden ist.

Dass das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg noch immer auf Entdeckungen abonniert ist, die eine solche wirklich lohnen, sieht man hier bestätigt. Sehenswert war unter den 13 online verfügbaren Wettbewerbsbeiträgen zwar noch manches andere, es gab aber auch Filme, über deren Aufnahme man sich wundern konnte. Besonders die improvisierte, freizügige Dreiecksgeschichte „Come closer“ (Komm näher) von Saskia und Ralf Walker möchte man dazu zählen. Diese mag man, falls man partout etwas Gutes sehen will, als Geduldsprobe nehmen oder Übung in Toleranz. Dass Menschen essen und ein mehr oder weniger ausgefallenes Sexualleben haben, worum sich hier alles dreht, kann kaum als aufregend gelten und kommt einem eindeutig zu nahe.

Plädoyer für Ehrlichkeit

Einmal mehr zeigt sich, dass oft solche Filme überzeugen, die sich nicht zu viel vornehmen, das aber überzeugend präsentieren, glaubhaft, mit menschlicher Tiefe. Dazu zählt das Debüt des US-Amerikaners Cooper Raiff, „Shithouse“, das im Genre der konventionellen College-Komödie eigene Töne anschlägt und mit Witz für Ehrlichkeit und gegen Egoismus plädiert. Einen größeren Nachhall darf man allerdings zwei bewegenden Beziehungsgeschichten bescheinigen, von denen an dieser Stelle schon die Rede war.

„Asia“ von der Israelin Ruthy Pribar über eine alleinerziehende Mutter und ihre todkranke Tochter besticht auch durch schauspielerische Wucht. Nicht anders ist es im US-amerikanischen Beitrag „Lorelei“ von Sabrina Doyle. Beide Filme überzeugen zudem durch die genaue Zeichnung der sozialen Umstände, welche die Figuren als alles andere denn als Glückskinder erscheinen lassen. Größe gewinnen die Charaktere dadurch, dass sie diese ertragen und dennoch unbeirrt nach einem guten Leben streben.

Einigermaßen verkopft wirkt dagegen der auf authentischen privaten Urlaubsaufnahmen und Tagebuchnotizen basierende spanische Film „My Mexican Bretzel“. Die Aufnahmen hat ein Ehemann gedreht, die Notizen stammen von seiner Frau. Zur Deckung kommen diese nicht – und werfen in Nuria Giménez Lorangs Film nicht nur ein stellenweise komisches Licht auf das Geschlechterverhältnis im 20. Jahrhundert, sondern auch auf die eher zeitlosen Themen von konstruierten Selbstbildern und Wirklichkeiten.

Interessant ist das alles durchaus, es wirkt aber nicht wirklich fesselnd. Was hier fehlt, ist die sinnliche Qualität – ein Wert, den auch der Thriller „Get it right“ (Mach’s richtig) aus Russland vermissen lässt. Im Film des Regisseurs Igor Polevichko übersieht man sie vielleicht aber nur, weil man zu sehr mit den Untertiteln beschäftigt ist, denn durchschaubar sind die Hintergründe des Geschehens allenfalls schwer. Ob sich das als Reflex auf die Lage in Russland lesen lässt? Der Wunsch nach Überschaubarkeit ist nun mal menschlich. Und immer wieder regt er sich auch bei Festivals. Dass dieses nur online stattfinden kann, macht die Sache nicht leichter. Denn ganze sinnliche Wirkung entfaltet Film nun mal erst auf großer Leinwand.

Info: Infos zum Festival: www.iffmh.de

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