Kultur

Schauspiel Abschlussklasse der Theaterakademie Mannheim zeigt Sibylle Bergs „Nach uns das All“

Marsmission als Utopie

Archivartikel

Die Koffer sind gepackt, die Yoga-Matten eingerollt: Ab in den Weltraum und hin zum Mars soll es für die vier Frauen gehen, um dort eine neue Gesellschaft im roten Sand zu errichten. Denn die alte ist im Kern verrottet und bis in ihre Randspitzen menschlich verkümmert in Sibylle Bergs Stück „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“, mit dem die Abschlussklasse 2019/I der Theaterakademie Mannheim (ThaM) auf der Bühne des Theaters Felina-Areal Premiere feiert. Darin spielen die Abschluss-Eleven Julija Komerloh, Lena Ritthaler, Vivian Schöchlin, Johanna Sipinski und Joel Bernd unter der Regie von Tarik Goetzke. Der hatte unter anderem am Nationaltheater die Uraufführungen von „Kalami Beach“, „Santa Monica“ und „Hurenkinder Schusterjungen“ inszeniert.

Der Zuschauer wird hier in eine dystopisch-patriarchale Zukunft geworfen: „Alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen“, wie Lena Ritthaler in ihrer Rolle als Lina erklärt. Die vier Protagonistinnen – Gemma, Lina, S. und Minna – selbst leben unter einer deutschtümelnden Despotie, in der Englisch ebenso verboten ist wie chinesisches Essen und missliebige Bücher (die im Geheimen im Keller gestreichelt werden müssen).

In Form einer grellen Theater-Farce nimmt „Nach uns das All“ den Zuschauer mit auf diesen Flucht- und Neustartversuch in Richtung Mars, nachdem die alte Welt mit Sang, (volkstümlichem) Klang und ordentlich Schmackes in den Abgrund gerauscht ist. Und zwar offenbar nach multiplem Gesellschaftsorganversagen – auch derer, die alles gut gemeint und besser gemacht haben wollten, wie aus dem Stück herauszulesen ist, das hier, recht aufgekratzt und schrill, gleichsam im Schleudergang durch den Bühnenraum wirbelt.

Kurzweilige Aufführung

Es wird in der Produktion der ThaM-Abschlussklasse viel chorisch in Richtung Zuschauer gesprochen, was das Ensemble mit bemerkenswerter Präzision und Taktsicherheit ausführt. Mag „Nach uns das All“ auch eine Schauspiel-Groteske ohne allzu große Tiefenwirkung sein, so bietet Goetzkes Inszenierung den jungen Mimen doch reichlich Raum, ihre künstlerisch-darstellerische Vielseitigkeit zu zeigen. Schöchlin zupft den Kontrabass, Ritthaler spielt Trompete, Komerloh das E-Piano und alle tanzen und singen – zum Beispiel den Zarah-Leander-Schlager „Davon geht die Welt nicht unter“; und Joel Bernd darf als vertraglich geforderter Raketen-Mitreisepartner in einer Art Casting-Karussell seine Wandelbarkeit zeigen: Eine eindrucksvolle Ensembleleistung, die für 100 erstaunlich kurzweilige Minuten sorgt. mav