Kultur

Internationales Filmfestival Regisseur István Szabó wird in Mannheim als "Master of Cinema" geehrt - er findet originelle Dankesworte

Medizin und etwas Schokolade

Mannheim/Heidelberg.István Szabó sieht die Welt durch einen feinen Filter bittersüßer Ironie. Nur so kann man den Satz verstehen, den der frischgebackene "Master of Cinema" beim Mannheim-Heidelberger Filmfest nach der Preisverleihung sagt: Von Stalin habe er für seine Arbeit "viel gelernt". Von Hitler ebenfalls. Aber nicht nur von großen Diktatoren, auch von kleinen Polizisten habe man sich unterrichten lassen können - in der Frage, was einen modernen Unterdrückungsstaat im Innersten zusammenhält.

Das Lebensthema Szabós ist, zu untersuchen, welcher Spielraum in solch feindlicher Umgebung für den Künstler übrigbleibt. Dem ist er nicht bloß in "Mephisto" (1981) nachgegangen, seinem populärsten Film, in dem ein von Klaus Mann, dem Autor der Romanvorlage, nicht besonders aufwendig verhüllter Wiedergänger des Theatergroßschauspielers Gustaf Gründgens auf die große Bühne trat. Im "Dritten Reich".

Den mimte Klaus Maria Brandauer, der dadurch selbst zum Großschauspieler wurde. Festivalchef Michael Kötz greift das in seiner Mannheimer Laudatio auf - "Mephisto" sei für Brandauer die Eintrittskarte für den internationalen Film gewesen. Doch auch István Szabó war plötzlich in Hollywood gefragt. Gedreht hat er dort freilich nie, im Anschluss an die Preisverleihung sagt er uns, warum: "Aus Hollywood kamen die falschen Stoffe." Szabó ist ein zwar oft leidender, aber stets überzeugter Mitteleuropäer, tief geprägt von einer Weltgegend, in der die Straßennamen im Verlauf des fürchterlichen 20. Jahrhunderts mehrfach wechselten, natürlich nach der jeweils opportunen Weltanschauung.

Nostalgie des Vielvölkerstaats

Etwas Nostalgie kommt auch ins Spiel: "Die Europäische Union hieß früher mal Österreich-Ungarn", meint der Regisseur - ein halbwegs funktionierender Vielvölkerstaat sei das gewesen. "Doch das war jetzt alles über Politik", schiebt er rasch nach und schweigt sich über Viktor Orbáns Ungarn gnädig aus. Es ist vermutlich besser so. Lieber erzählt er von den Menschen, die ihn prägten. Was die Kinoregisseure angeht, waren das zunächst die Neorealisten, wie De Sica und Visconti. Später auch die Anführer der "Nouvelle Vague" mit ihrer Losung "Schreiben mit der Kamera".

Danach Akira Kurosawa und, auch menschlich inspirierend, Ingmar Bergman. Fast gerührt berichtet er, wie dieser ihn, mitten im Drehstress, an die Hand genommen habe und nur für ihn da gewesen sei. "Fanny und Alexander" drehte Bergman damals, seinen letzten großen Film. Der bislang letzte Film von István Szabó läuft am Preisverleihungsabend.

Es ist sicher nicht sein allerbester: In "Hinter der Tür" tragen die beiden Hauptdarstellerinnen Helen Mirren und Martina Gedeck ein ziemlich ungleiches Duell aus (weil die Rolle von Gedeck sehr passiv angelegt ist).

Schauspieler sind das Wichtigste

Diesmal weitet sich die Handlung nur bedingt zum Panorama einer ganzen Zeit, diesmal geht es bisweilen auch etwas gefühlig zu, mit einem Hündchen und neun süßen Kätzchen. Aber Szabós individueller Stil ist immer noch erkennbar. Viele Nah- und Großaufnahmen der Gesichter spielen dabei eine starke Rolle. Dazu hat der Regisseur auch eine schöne Anekdote zu erzählen: Wie er einmal, auf der Filmhochschule, originell sein wollte und nur Füße filmte, sein Professor aber fragte: "Sind Gesichter nicht viel besser?" Und das seien sie bestimmt, nur sie allein könnten das Wesentliche darstellen: "wie ein Gefühl geboren wird".

Deswegen seien auch die Schauspieler das Wichtigste, "das Starsystem macht Sinn", glaubt Szabó. Jede Zeit habe den Star, den sie verdiene, ob nun Greta Garbo (in der Zeit der Uniformen), ob Jane Fonda (in der Zeit des Aufbegehrens) oder Arnold Schwarzenegger.

Europäer, die das große Publikum ins Kino lockten, gebe es bedauerlicherweise kaum noch. "Unsere Geschichte ist eine Geschichte von Verlierern", gibt der Regisseur als Grund an. Klingt ein wenig bitter. Doch der Arztsohn Szabó scherzt gleich wieder: Er verabreiche in seinen Filmen Medizin - in Form von unbequemen Wahrheiten. Doch er garniere diese Medizin mit süßer Schokolade.