Kultur

Mainfrankentheater Humperdincks herzerfrischende Oper „Hänsel und Gretel“ in Würzburg aufgeführt

Mehr als nur ein Märchenspiel

Bevor Marie Jacquot am Pult im Großen Saal des Mainfranken Theaters Würzburg die Hörner den einleitenden Schutzengel-Choral der Ouvertüre von Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ spielen lässt, hat fast unbemerkt ein adrettes Menschenkind mit zwei Haarzöpfchen, die für den verspielten Touch sorgen, auf den Treppenstufen im Parkett Platz genommen. Die sie freundlich ansprechende Platzanweiserin scheint Julia Baukus von ihrer Rolle als Schutzengel überzeugt zu haben, denn so darf sie sitzenbleiben, um dann auf die Bühne zu huschen, eigenhändig den großen Vorhang anheben, um so den Blick auf eine bescheiden eingerichtete „Puppenstube“ (Bühnenbild: Julia Katharina Berndt) freizugeben.

An Märchenversion orientiert

Das Libretto der Oper von Humperdincks Schwester Adelheid Wette orientiert sich weitgehend an der Märchenversion der Gebrüder Grimm, wobei die Armut der Familie des Besenbinders ausgiebiger beschrieben und die Rolle der Mutter gnädiger interpretiert wird. Denn im Grimmschen Märchen will die (Stief-)Mutter die Kinder im Wald umkommen lassen.

Auch im Plot der Oper müssen die Kinder zum Lebensunterhalt beitragen. Weil sie ihre Arbeit einmal vergessen und lieber singen und tanzen, wird die Mutter wütend und lässt versehentlich den Milchtopf fallen. Da das Abendessen sonst entfallen muss, schickt sie die Kinder zum Beerensammeln in den Wald und bleibt selbst besorgt zurück.

Der heimkehrende Vater macht ihr Vorwürfe und ist wegen der im Wald ihr Unwesen treibenden Hexe in großer Sorge. Hänsel und Gretel pflücken Beeren, verzehren sie dann aber selbst. Sie verirren sich im Wald und schlafen ein, werden aber von dem Sandmännchen (Misun Kim) und dem Schutzengel beschützt und für ihr weiteres Abenteuer gestärkt. In ihrer einfallsreichen und poetischen Inszenierung mit farbenfrohen Kostümen von Pascal Seibicke zeigt Sigrid Herzog in ihrer zweiten Regiearbeit nach Mozarts „Entführung aus dem Serail“ vor knapp drei Jahren viel Einfühlungsvermögen für das Genre der klassischen Märchenoper und geht wohltuend jeder kitschigen Anmutung aus dem Weg.

Gleichzeitig verzichtet sie auf eine aufklärerische Umdichtung und Aktualisierung des Stoffes, sondern lässt Humperdincks Meisterwerk der Spätromantik für sich sprechen. So kann das Philharmonische Orchester mit selten bombastischen, zumeist fröhlich-ausgelassenen Klängen deutlich machen, wie eng Text und Musik aufeinander bezogen sind.

Vielversprechend ist das Debüt des Jungen Chors, mit dem Chordirektor Anton Tremmel noch so manche Aufführung bereichern dürfte. „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh“ ist ein bereits im 17. Jahrhundert bekanntes Lied, das Brentano 1808 aufzeichnet und Engelbert Humperdinck 1893 in seine Oper aufnimmt. „Brüderchen, komm tanz mit mir“ textet Adelheid Wette nach einer Volksweise um 1800 aus Thüringen. Als Geschwisterpaar singen sich Marzia Marzo als Hänsel und Akiho Tsujii als Gretel – später alternierend mit Silke Evers – auf Anhieb in die Herzen der Zuhörer.

Reizvolles Bild

Außergewöhnlich reizvoll gelingt im zweiten Bild, in dem sich die Kinder im Wald verirren, der auf einem Schwan gesungene Abendsegen, das Lied des Sandmännchens und die Traumsequenz mit einem prächtig kostümierten Königspaar mit Kindern, die sich mit dem Geschwisterpaar herzlich umarmen. Fast schon rustikalen Charme versprüht Mathew Habib als wohlgerundete Knusperhexe, deren Tenor die Lust am Bösen hinter scheinbar harmlosen Versen verbirgt: „Knusper, knusper Knäuschen, wer knuspert mir am Häuschen“.

Nicht ein Lebkuchen-Haus, sondern ein Marktwagen mit verführerischen Zuckerwaren wird zum Objekt der kindlichen Wünsche auf dem Rummelplatz, wo eine mitten in den Schlund führende Schiene eines Fahrgeschäfts an die Gefahren solcher Vergnügen erinnert.

Trotz aller irdischen Nöte zweifeln Hänsel und Gretel nie an der Liebe ihrer Eltern, die Barbara Schöller als rastlos-unruhige Gertrud und Kosma Ranuer als ruppig-liebenswerter Besenbinder Peter spielfreudig und mit voluminösen Stimmen in jeder Szene durchscheinen lassen.

Wie es den beiden Kindern ergangen sein könnte, lässt der Blick in das vom Besenbinder geöffnete Gefrierfach des Kühlschranks erahnen, das plötzlich feuerrot leuchtet. Doch alle Befürchtungen fegen die Kinder schließlich beiseite, indem die Knusperhexe ihrem Namen alle Ehre macht und statt der Kinder selbst im Ofen landet; groß ist die Erleichterung, als sie – zum Lebkuchen erstarrt – von den vielen aus ihrem Gefängnis befreiten Kindern als Trophäe herumgetragen wird. Diese kindgerecht-bunte, aber auch die Eltern mit spätromantischer Klangfülle beglückende Aufführung entfacht ihre ganz eigene Magie.

Vor der Sommerpause ist sie noch einmal am 16. und 27. Juli mit Marie Jacquot als musikalische Leiterin zu erleben. Die Wiederaufnahme in der kommenden Saison übernimmt ihr Nachfolger Gábor Hontvári.