Kultur

Kunst Frankfurter Städel zeigt in neuer Dauerschau „Zurück in die Gegenwart. Neue Perspektiven, neue Werke – Die Sammlung von 1945 bis heute“ viele Erzählstränge

Mehr als nur eine Chronik

Es klingt gut, was Martin Engler verspricht, der Kurator für Kunst nach 1945 im Frankfurter Städel. Der Besucher, so Engler, „kann flanieren und sich seine eigene Kunstgeschichte erlaufen, auf selbst gewählten Routen“. Er hat alle Freiheiten auf den 3000 Quadratmetern der unterirdischen Gartenhallen. Schwierig ist der Rundgang dennoch, weil die Werke nicht chronologisch über 70 Jahre gehängt sind, sondern nach Sichtachsen und Blickwinkeln, ähnlichen Stilen und Motiven – die man nicht sofort entdeckt oder versteht.

Vor acht Jahren wurden die Gartenhallen eröffnet, seither wurde die Dauerausstellung gelegentlich leicht verändert. Nun aber wurde sie komplett neu gehängt, nachdem sie einer Schau über Vincent van Gogh weichen musste, die im Februar zu Ende ging. Engler nutzte die Chance, um etliche Neuerwerbungen der vergangenen acht Jahre zu zeigen.

Beginnen sollte der Besucher im Zentrum der Halle, wo das Herz der Schau schlägt und viele Wege in alle Richtungen abgehen – in die Peripherie und in die Vergangenheit. Denn die heutige moderne Kunst hat „mehrere Erzählstränge, die sich begegnen und überkreuzen, auch in die Quere kommen, aber immer parallel laufen“. So erinnert Daniel Richters blaue „Horde“ von 2007 mit ihren brutalen Visagen an die rohe Malerei von Francis Bacon und Georg Baselitz in den 1960ern.

230 Werke von 170 Künstlern

Eine fröhliche Wiederkehr der immer etwas dunklen, aber dynamischen Informel-Malerei der 1950er entdeckt der Betrachter auch in Michel Majerus’ schwingenden Farbstreifen. Majerus setzte 1998 auf Pop-Farben – noch in den 1950ern undenkbar, da man jegliche menschliche Abbildung nach Krieg und Holocaust vehement ablehnte. Zwei Beispiele, wie man vom Zentrum und vom Heute aus in die Zeit nach 1945 gehen kann, um schon Dagewesenes neu zu entdecken.

Ausprobieren sollte man das am besten selbst an den rund 230 Werken von 170 Künstlern – das Städel konzentriert sich auf wenige exemplarische Arbeiten eines Vertreters und erwirbt nicht ganze Werkgruppen, anders etwa als ein Museum für moderne Kunst. Dafür bietet das Städel einen Überblick über 700 Jahren europäische Kunstgeschichte bis heute, vorwiegend dokumentiert an Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken, aber auch an Fotografien und Skulpturen.

Zwar bleibt das Städel nach wie vor ein Malereimuseum, öffnet sich aber neuen Techniken und Materialien wie Plastik, Wolle oder Teppiche, die inzwischen auch von Malern benutzt werden. Ohnehin ist die alte Trennung in figurative Kunst auf der linken Seite und abstrakte Kunst auf der rechten Seite aufgehoben – ein Gewinn, denn das sorgt für spannende Vergleiche über längst gefallene Grenzen hinweg.

Malerei und Fotografie verbunden

Das Menschenbild bleibt das wichtigste Thema. Das kann das Städel fulminant beweisen, von Picasso bis zu Miriam Cahns „Muttertier“, einem kruden Mischwesen. Heute wird der Mensch stärker hinterfragt und zieht oft den Kürzeren gegenüber Robotern oder Tieren. Nicht zu vergessen der „CLOSE UP“-Raum. Er bietet einem Publikum einen leichteren Zugang an, sogar mit wechselnden Themen. Der Einstieg über die Verbindung von Fotografie und Malerei ist jedenfalls geglückt.

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