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Mehr Nächstenliebe gefragt

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

Liebe Leserinnen und Leser,

es braucht keinen Gott, um ein guter Mensch zu sein. Aber wenn man ihn schon hat, ist es umso schmerzhafter, zu sehen, wie wenig die durch Gott in die Welt gebrachten Werte manchmal zählen. Als Kind haben mich solche Fragen sehr beschäftigt: Wo ist er denn jetzt, der liebe Gott? Bis ich verstand: Wir müssen selbst sein. Jetzt werde ich einmal biblisch, denn manche Bilder erinnern mich an meine Jugendbibeln. Die Bilder in den Lagern in Moria zum Beispiel.

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Zu Beginn meines Studium sagte ein älterer Mann den Satz zu mir: „Jetzt schafft uns doch den lieben Gott nicht ab, wo wir ihn uns so schön erfunden haben.“ Diese Gesellschaft definiert sich nach wie vor stark über Gott, Kirchen und Religion. Natürlich, die Mitgliederzahlen sinken, und dennoch. Ja, es braucht diese Werte nicht, um Humanist zu sein. Aber sie stehen immer im öffentlichen Raum, weil die kirchlichen Strukturen jahrhundertelang gewachsen sind.

Neben dem Glauben an humanistische Werte, hilft ein gewisser Wohlstand, eine bürgerliche Zivilgesellschaft, die wohlhabend genug ist, um Zeit für Engagement zu finden. Warum sind Gerechtigkeitsfragen so wichtig? Weil ohne eine stabile Mitte der Gesellschaft, die sich nicht bedroht sieht, zum Prekariat zu werden, die Demokratie ausgehöhlt wird. Das Sortieren von Nachrichten und Studien ist heutzutage eine aufwendige Angelegenheit; ich verstehe den Sog der einfachen Erklärungen, selbst Wissenschaftsjournalisten, die sich täglich mit Themen befassen, die Komplexität der Sachfragen beklagen. Wo ansetzen?

Warum führe ich das alles an? Um eine Erklärung dafür zu finden, wie überwältigt viele von den Nachrichten sind. Wie kalt wir sie manchmal zur Kenntnis nehmen. Die Menschen auf der Flucht an den Grenzen Europas sind noch immer eingesperrt. Wir diskutieren, wie sehr Maskenpflicht nervt, doch diesen Menschen wird ihr Recht auf Bewegungsfreiheit versagt. Von Würde ganz zu schweigen. Ich wünsche jedem ein Leben, in dem er nie fliehen muss. Wenn man sich jedoch vorstellt, nur ein paar Tage in den Schuhen dieser Menschen gehen zu müssen, packt einen die Hoffnungslosigkeit. Da fallen sie mir ein, diese drei Wörter: Glaube, Liebe, Hoffnung. Wäre unserer Gesellschaft nicht würdig, mehr Nächstenliebe für jene, die es am Nötigsten haben, in sich zu finden und von der Weltgemeinschaft einzufordern?

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

Das Tagebuch als Podcast bei Spotify und Deezer.

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