Kultur

Lesen.Hören Josef Haslinger spricht mit Gert Scobel

„Mein Fall“ im Fokus

Archivartikel

Auch vor heftigen Themen wie sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche scheut das Literaturfestival nicht zurück. So zählt der Auftritt des österreichischen Autors Josef Haslinger am Samstag in der Alten Feuerwache mit zum Eindrücklichsten bei Lesen.Hören. Als Kind wurde er mehrfach von drei verschiedenen Tätern missbraucht. Aus der Passage, die er aus seinem Buch „Mein Fall“ vorlas, und dem Gespräch mit dem bekannten Fernsehmoderator Gert Scobel wurde deutlich, warum er so lange darüber geschwiegen und erst nach dem Tod der Priester ihre Namen genannt hat.

Der heute 64-jährige prominente Schriftsteller war um ihren guten Ruf besorgt, obwohl er allen Grund hatte, „eine große Wut auf diese Typen zu haben, die mich in der Kindheit wie ihr Spielzeug behandelten“. Normal mag es nicht sein, aber es beweist, wie ausgeliefert die Sängerknaben ihren Lehrern im Konvikt Stift Zwettl waren. Was Festivalleiterin Insa Wilke an Haslinger so schätzt, ist die Klarheit seiner Gedanken und dass er in einer Atmosphäre der Hysterie, der Überreiztheit, der Irrationalität zeigt, wie man über ein so aufgeladenes Thema souverän und differenziert schreiben kann. Dass er drei Mal vor verschiedenen Vertretern der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche aussagte und sein Fall dennoch nicht bearbeitet wurde, ist ein Skandal, der zum Himmel schreit, findet Scobel. So trat Haslinger mit seinem „Fall“ in Form dieses Buchs an die Öffentlichkeit. Ein Skandal sei auch die Vertuschungstaktik der Kirche, die System habe. Ihr ging es nur um Schmerzensgeld, wie Scobel in seinem Schlusswort bemerkte, aber nie um „juristische Äquivalenz“. 

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