Kultur

Zuckmayer-Medaille Vorwürfe gegen designierten Preisträger / Kritik an geplanter Verleihung

Menasse zitiert sehr frei

Archivartikel

Ist der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ein würdiger Preisträger? Am 18. Januar soll der Autor die renommierte Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz erhalten; nun könnte die Preisvergabe aber noch einmal überdacht werden. Hintergrund ist eine Debatte über gefälschte beziehungsweise erfundene Zitate, die Robert Menasse dem Politiker Walter Hallstein (1901-1982) zugeschrieben hatte.

Wie die stellvertretende Regierungssprecherin Almut Rusbüldt gestern dieser Zeitung bestätigte, wird der Sachverhalt intensiv geprüft. Man suche „aufgrund der Debatte um umstrittene Äußerungen“ sowohl das Gespräch mit dem Autor selbst als auch mit Mitgliedern der Fachkommission, die ihn als Preisträger vorgeschlagen hatte. Unter anderen zählen Kulturminister Konrad Wolf (SPD) als Vorsitzender und die letztjährige Preisträgerin Yoko Tawada zu dem Gremium. Mehrere Möglichkeiten stehen nun zur Wahl.

So könnte die Verleihung mit einer Veranstaltung zu den Hintergründen der Diskussion begleitet werden. Eine Aberkennung des Preises wäre die äußerste Option. Eine Stellungnahme der Staatskanzlei hält fest, die Vergabe sei Folge einer literarischen Bewertung von Menasses Werk; und diese bleibe durch seine Äußerungen unverändert. Demgemäß erscheint die Aberkennung eher unwahrscheinlich. Die Opposition im rheinland-pfälzischen Landtag ist da entschiedener. CDU-Fraktionschef Christian Baldauf fordert von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) eine „klare Haltung“. Die Verleihung sei „ein falsches Signal“, denn Menasse habe „eine Art Geschichtsfälschung“ begangen. Ähnlich argumentiert die AfD. Folglich müsste ihm, der für seinen Roman „Die Hauptstadt“ 2017 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde, der Preis aberkannt werden.

Der Autor räumt Fehler ein

Menasse hatte sich in Texten und Reden mehrfach auf den CDU-Politiker und ersten Vorsitzenden der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (dem Vorläufer der EU), Walter Hallstein, berufen, um seine Idee eines vereinigten Europas zu illustrieren. Er zitierte auch eine Rede, die Hallstein angeblich im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz gehalten hätte. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat daran schon in ihrer Ausgabe vom 23. Dezember Zweifel angemeldet – nachdem zuvor der Historiker Heinrich August Winkler die Äußerungen in Frage gestellt hatte.

Damit konfrontiert, sagte Menasse, Hallstein habe wie er die Idee eines „nachnationalen Europas“ gefördert. Er habe ihn sinngemäß zitiert – „was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Darf ein Autor aber, wenn auch vielleicht einer guten Sache wegen, derart frei mit Zitaten und Sachverhalten umgehen? Angesichts der Affäre um „Spiegel“-Reporter Claas Relotius und dessen gefälschte Geschichten scheint die Frage besonders brisant. Das weiß auch die Regierung in Mainz. Ihre Lösung wird bemüht sein, weder sie noch den Preis zu beschädigen. Dass Menasse in einem aktuellen Beitrag für „Die Welt“ Fehler einräumt und sich entschuldigt, dürfte (wohlwollend?) berücksichtigt werden.