Kultur

Menschliche Favoriten

Archivartikel

War Beethoven ein Genie? Warum dann nicht Alex, der Protagonist in Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, der seine wohl komponierten Gewaltexzesse im Rausch von „Ludwig van’s“ neunter Sinfonie zelebriert? Oder aber mein Freund Uwe R.? Er stellte sich unserem Musiklehrer mit den Worten: „Beethoven, aber SIE dürfen mich auch Uwe nennen“ vor.

Eine gewisse Skepsis gegenüber der Idee genialer Begabungen sowie kreativer Eingebungen halte ich für angebracht: schließlich ist Kunst auch Arbeit, sogar die sorgfältig geplanten Selbstinszenierungen eines Jonathan Meese, Jeff Koons oder Markus Lüpertz. Vom Starkult, der Ludwig van Beethoven zu seiner Zeit ins rechte Licht gesetzt haben mag, weiß ich wenig. Bekannt sind mir allerdings Variationen seiner Büste, die für einen anhaltenden Nachruhm des großen Meisters sorgen.

Die Zeit um 1800 war eine Zeit der Umbrüche, in der wir uns zwischen den Ideen der Klassik, der Aufklärung, des Humanismus und denjenigen der aufkommenden Romantik und der bürgerlichen Revolutionen bewegten, eine Zeit, in der wir nicht mehr Untertanen und noch nicht bürgerlich waren: eine Epoche, in der in der Kunst Ungewöhnliches oder Ungewohntes hervorgebracht wurde. Seither haben unzählige Künstler*innen den Mut aufgebracht, weiterzudenken oder bislang noch nicht Gedachtes dennoch zu denken, zu sagen und zu tun. Sie haben dadurch dazu beigetragen unsere bürgerliche Gesellschaft als Modell in der Welt zu etablieren. Genies hat es dazu nicht gebraucht und wird es auch in Zukunft nicht brauchen, weder Alex noch Donald Trump. Meine Favoriten sind Uwe R., wenn er Chopin spielt, und der kleine blinde Junge in dem Film „Die Stille“, der sich von den Klängen der 5. Sinfonie Beethovens leiten lässt.

Stefanie Kleinsorge (56) ist Bereichsleiterin Kultur der Stadt Ludwigshafen. In der Kolumne „Mein Beethoven“ schreiben anlässlich seines 250. Geburtstages über das Jahr jeden Samstag Prominente über ihr Verhältnis zum Komponisten.