Kultur

Konzert „Avantasia“ begeistert am Freitag mit einem über dreistündigen Konzert in der Ludwigsburger MHP-Arena rund 4000 Fans / Klasse Sound

„Metal-Legierung“ von heavy bis soft

Archivartikel

Eigentlich wollte der Tobi ja mal aus der „Rock-Tretmühle“ Album, Tour, Album, Tour . . . ausbrechen, sich eine Auszeit nehmen, sich auf sich besinnen. Wie das so ist, wenn ein Komponist tief in sich hineinblickt, dann will er auch der Welt mitteilen, was er bei dieser Reise entdeckt hat. Und am besten kehrt er sein Innerstes durch Musik nach außen, beschreibt seine Gefühlswelt in Liedern.

Ein Glück für die Fans von „Avantasia“. Denn das Ergebnis ist nicht nur das bärenstarke neue Album „Moonglow“, sondern auch eine Tour. Der knapp dreineinhalbstündige Auftritt am Freitag in der Ludwigsburger MHP-Arena ist genauso formidabel wie die CD und reißt die 4000 Fans zu regelrechten Jubelstürmen hin.

Metalle unterteilt man in Schwer- und Leichtmetalle, je nach Dichte. In der Musik unterteilt man die „Metaller“ je nach Härtegrade auch in verschiedene Genres – von etwas mehr heavy bis eher soft. „Avantasia“ ist dabei sicherlich bei letzterer Kategorie anzusiedeln.

Wie bei dem Leichtmetall Aluminium, das häufig als Legierung verwendet wird, also angereichert wird mit anderen Stoffen, fließen bei dem musikalischen Leichtmetall von „Avantasia“ verschiedene andere Elemente ein. Diese reichen von Pop über Rock bis hin zu Heavy Metal. Die Songs dürfen, wie beim Prog-Rock, auch mal länger sein und einige Breaks haben. Zwischendurch wird schon mal so richtig gebolzt, wie beim Heavy-Metal, aber auch nicht zu lange. Aber eines verbindet alle Songs: Sie haben alle eingängige Hooklines und sind durch die Bank Ohrwurm tauglich. Prima zum Mitsingen eben. Und das tun die Fans in der Ludwigsburger MHP-Arena ausgiebig. Die Stimmung ist schon nach dem ersten Song glänzend. Band und Frontmann Tobias Sammet werden mit einem Jubelsturm empfangen, der über die Marathon-Distanz von über drei Stunden nicht nachlassen wird.

Der Fuldaer hat wieder eine feine Sängerschar um sich versammelt, zu der auch erstmals Geoff Tate, ehemals Sänger bei „Queensrÿche“ zählt. Überraschung des Abends ist Amerikanerin Adrienne Cowan mit ihrer variablen Rock-Röhre. Auch Bob Catley wirkt überraschend aufgeräumt und gut in Form. Leider diesmal nicht dabei: Michael Kiske. Sein Fehlen kann der Rest der Truppe nicht ganz kompensieren. Das ist aber auch das einzige Manko des Abends.

„Wir spielen neuen Kram, wir spielen alten Kram, kurzum: alles was so Spaß macht“, gibt Sammet die Richtung vor. Und ab geht die Post. Natürlich stehen die Songs des neuen Albums „Moonglow“ mit dem zwölfminütigen vielschichtigen Großwerk „The Raven Child“ zunächst im Fokus. Aber es geht auch zurück bis zum ersten Album „The Metal Opera“, mit dem Sammet und Paeth im Jahr 2001 ein Überraschungserfolg gelungen ist und das bei Fans immer noch hoch im Kurs steht. So wird auch das Herzstück des Albums „Avantasia“ am frenetischsten abgefeiert. Bei diesem Song, wie auch bei vielen anderen, zeigt sich, dass Sammet einfach ein Händchen für eingängigen Metal hat, der Laune macht. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass der weibliche Anteil im Publikum erstaunlich hoch ist.

Die Idee, eine illustre Sängergilde um sich zu scharen und ein Rock- Album aufzunehmen, ist ja schon damals, 2001, nicht neu gewesen. Wer hat’s erfunden: Kein Schweizer, nein ein Holländer: Genau: Arjen Lucassen. Er hat mit „Ayreon“ das Wechsel-dich-Spiel bei Sängern und Sängerinnen auf CD im Rockgeschäft sozusagen hoffähig gemacht. Sammet hat das aufgegriffen und ein wenig modifiziert. Wo Lucassen bisweilen ins Sphärische, Verschwirbelte abgedriftet ist, hat Sammet auf Power und Melodie gesetzt.

Gerade bei den Konzert erweist sich das als vorteilhafter Schachzug. denn trotz der nahezu epischen Länge von dreieinhalb Stunden Musik und 20 Minuten Geplapper kommt nie Langeweile auf, treibt es Band und Publikum stetig voran: Ein rasanter Trip durch fast 20 Jahre „Avantasia“.

Ein absoluter Pluspunkt an diesem Abend ist der Sound. Druckvoll, laut und doch glasklar kommen die Songs aus den Boxen.

Ein rundum gelungener Abend – vollkommen egal, ob Metal oder nicht.