Kultur

Klassik Roman Trekel singt im Waldeck-Saal die „Winterreise“

Metall trifft Tränen

Diesem Mann kann man sich anvertrauen, wenn es um die „Winterreise“ geht. Denn Roman Trekel trägt sie schon seit langem auf den Schultern, schon vor 20 Jahren hat er sie zum ersten Mal auf Tonträger gebannt. Doch das verleitet Trekel keineswegs zu einem defensiven Rückzug auf bewährte Interpretationsansätze, wie sich auch im Florian-Waldeck-Saal der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zeigt. Hier geht es vielmehr stets ums Ganze, um Extreme, die oft unvermittelt aufeinanderprallen, selbst im suggestivsten der zwei Dutzend „schauerlichen Lieder“: Auch der „Lindenbaum“ als urromantisches Symbol für Heimat und Geborgenheit wird von den „kalten Winden“ seines Mittelteils gewaltig durchgeschüttelt. Das geht an die Wurzeln.

Kontraste gesteigert

Trekel steigert die vorhandenen Kontraste eher noch und geht bei manchmal bis zum Stillstand reduzierten Tempi Schuberts radikalen Ausdruckswelten auf den Grund. Auch wenn der Bariton dabei nicht unbedingt politisch wird, die winterliche, kerkerkalte Ära Metternich schwingt zwar wohl mit, doch Trekel geht es mehr um radikale Subjektivität und Sensibilität. In den zurückgenommenen Passagen scheinen seine Stimmbänder des Öfteren mit einem feinen Tränen-Film benetzt zu werden, was man allerdings nicht unbedingt als Larmoyanz bezeichnen muss: Denn auch die Textvorlagen Wilhelm Müllers laufen fast vor lauter Tränen über. Trekel balanciert das immer wieder aus durch hochfahrenden, trotzigen Behauptungswillen. Dann kommt auch das Stimm-Metall des Wagner-Baritons zum Vorschein.

Dass der Pianist (oder die Pianistin) einen großen Anteil am Gelingen einer „Winterreise“ hat, ist eine Binsenweisheit. Aber selten derart zutreffend wie hier: Barbara Baun, Dozentin an der Mannheimer Musikhochschule, meißelt die Begleitfiguren ungeheuer plastisch, lässt die Wetterfahnen flattern und die Ketten rasseln. Zeigt die Munterkeit der schwarzen Krähe. Aber auch, wie sie verfliegt.

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