Kultur

Michel Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“ erzählt von einem Weltverächter

Michel Houellebecq hat es wieder geschafft. Auch der neue Roman des französischen Autors, der fast zeitgleich in Frankreich, Deutschland und Italien erscheint, wirkt, als hätten sich reale politische Ereignisse zur Romanhandlung parallel geschaltet. Diesmal sind es die Proteste der „Gelbwesten“ im Heimatland des Autors, die er scheinbar vorwegnimmt. Man erinnert sich: Bei „Unterwerfung“ war es das Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Und 2001, als „Plattform“ erschien, durch das ein paar Taliban irrlichterten, erfolgten die Terroranschläge vom 11. September.

Jetzt brachte sich der Autor in einem Zeitungsessay mit provokanten Aussagen zu Trump als nützlichem Idioten ins Gespräch und schürte eine polarisierende Spannung auf den neuen Roman „Serotonin“. Dann liest man dieses Buch, das bitterböse und illusionslos auf unsere Zeit losgeht, und man weiß endlich mal wieder ganz genau, wie weit die Spitzen belletristischer Bestandsaufnahmen das journalistische Reportage-Genre übersteigen können.

Man folgt fasziniert und befremdet einer sein Leben hinblätternden Figur. Der 46-jährige Florent-Claude Labrouste ist Menschenfeind und erschöpfter Zeuge des Lebens. Er ist schwer depressiv, und die Gegenmittel erhöhen den Serotoninspiegel mit den Nebenwirkungen Übelkeit, Libidoverlust und Impotenz. Dem Einzelkind mit markanten Gesichtszügen, das die meisten und das meiste hasst, bleiben Alkohol, Zigaretten, Kaffee und Erinnerungen. Er war, weiß er, „nie etwas anderes … als ein substanzloses Weichei“. Klasse fehlt ihm, doch Geld hat er genug.

Arbeit für Chemiefirma

Er hat funktioniert in seiner Arbeit im Landwirtschaftsministerium, für die Chemiefirma Monsanto oder als Werber für normannischen Käse. Das hat ihn so angewidert wie jetzt seine 20 Jahre jüngere Geliebte, die heimlich in der Pornoszene aktiv ist. Er ist ein Kind dieser Zeit, die von Zersetzungsprozessen charakterisiert wird. Er sabotiert mit Freude die Mülltrennung, wozu es passt, dass er im Mercedes-Geländewagen durch die Gegend prescht. Sein sozialer Aufstieg hat ihn vom Kontakt mit niedrigeren Schichten befreit; überhaupt ist sein Verlangen nach Sozialleben abgestorben, und nun schwindet auch die Lust am Sex, dem er früher große Bedeutung beigemessen hatte. Vielleicht liegt hier die Ursache aller Fehler, denn nach dem Studium hatte er in fünf Jahren mit Camille gelernt, dass Liebe doch hätte möglich sein können. Es ist von einer ans Herz gehenden Emotionalität, die man am wenigsten von Houellebecq erwartet hätte, wie er vom Ende dieser Beziehung infolge eines Seitensprungs erzählt.

Doch insgesamt haben sich die Dinge eben so entwickelt, „dass die Gesellschaft eine Maschine zur Zerstörung der Liebe“ wurde. So ist sie also, unsere Zeit. Und hier redet einer ihrer freudlosen Helden. Houellebecq zeichnet in diesem facettenreichen und von einer ordentlichen Palette erzählerischer Kniffe durchzogenen Roman ein gnadenloses Bild unserer Epoche und wie er sie sieht: „eine Zivilisation stirbt am bloßen Überdruss, am Abscheu vor sich selbst.“ Florent entschließt sich zum Verschwinden, was jährlich, so lesen wir, 12 000 Franzosen tun. Das ist keine Straftat, per E-Mails sind die Voraussetzungen leicht zu schaffen.

Ohne Angehörige, Projekte und echte Interessen macht sich einer in gefestigter Traurigkeit davon. Der griesgrämige, abendländisch Enttäuschte und Begierdenfreie zieht sich rauchend und trinkend von und aus seiner Geschichte zurück. Und er erinnert sich an Personen seines Lebens - wie Aymerie. Dieser Spross von Aristokraten, Studienkollege und einziger männlicher Freund, betrieb 20 Jahre lang Landwirtschaft. Je genauer er die Anforderungen des Bio-Siegels einhielt, desto mehr sank seine Rendite. Er musste Boden an ausländische Investoren verkaufen, bis für ihn das Fass überlief und er nach einer erneuten Senkung des Milchpreises im gewaltsamen Protest zur antieuropäischen Widerstandsikone der Titelseiten wurde.

Im großen Finale übernimmt sich der Roman mit Anleihen bei Thomas Mann und Proust. Aber das von bitterböser Enttäuschung sprechende, an keiner Stelle enttäuschende Buch wird doch noch zur „Demonstration einer noblen Seele, eines aufrichtigen, guten Herzens“.

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