Kultur

Enjoy Jazz Marie Séférian und das New Jazz Voices Trio

Mit leiser Wehmut

Einem großen Seuchenherd – früher als Stadt Berlin bekannt – durch einen Corona-Schnelltest knapp entronnen, sucht sie auch beim Enjoy-Jazz-Konzert im Mannheimer Ella & Louis-Club nach ihren Wurzeln. Und hat eine reiche Auswahl, denn es gibt französische, armenische und deutsche. Marie Séférian beschäftigt sich zurzeit aber vor allem mit den libanesischen, ihr Großvater hat dort gelebt, bevor er nach Paris ging. Einen Text von ihm trägt sie vor, die meisten der Vertonungen gehen jedoch auf eine Dichterin und einen Dichter aus dem Libanon zurück, die ihre Künstler-Liebe in perfekter Versform auslebten. Platonisch also nur. Sie hieß May Ziadé, ihr Partner war Khalil Gibran.

Es ist manchmal eine Veranstaltung zwischen Konzert und Dichterlesung. Aber auch, wenn Séférian die Texte oft in deutscher Übersetzung separat vorträgt, wird es kein Jazz & Lyrik-Abend alter Prägung. Texte sind hier (über-) lebenswichtig, aber letztlich fasziniert die Art, wie sie in selbstverfassten Stücken zu Musik werden. In zarten Klanggespinsten hochsensibel aufbereitet, hin und wieder mit Skalen aus dem Orient verfeinert. Groovige Direktheit gibt es selten – vielleicht ein bisschen schade. Die Grenze zwischen Jazz und Kunstlied ist fließend, oft schwingt leise Wehmut mit. Passend, dass eines der Gedichte von der pessimistischen, November-traurigen Musik Chopins erzählt.

Begleitet wird die Sängerin vom New Jazz Voices Trio: Simon Seidel am Klavier schafft sich in seinen Soli manchmal eine Modern Jazz-geprägte Parallelwelt, Schlagzeuger Holger Nesweda liebt es filigran und eher sparsam, Dietmar Fuhr am Kontrabass füllt den enormen Raum dazwischen. Während Marie Séférian mit großem Stimmumfang, geschliffener Diktion, doch auch „instrumentalen“ Fertigkeiten punktet. Teils ist das Scat-Gesang auf Levantinisch. Manchmal klingt es dunkel, mit dem reichen Timbre eines Flügelhorns. In jedem Fall sind es famose Stimm-Lautmalereien. HGF

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