Kultur

Musiktheater „Die Entführung aus dem Serail“ in Zwingenberg

Mit Mozart munter in der Disko

Archivartikel

Auf den Regisseur des Abends trifft man überall. Auch draußen auf dem kleinen Parkplatz vor dem Zwingenberger Schloss – Michael Gaedt sorgt sogar hier für Ordnung und weist Autofahrer ein. Drinnen im Schlosshof ist er für das erste große deutsche Nationalsingspiel verpflichtet worden: „Die Entführung aus dem Serail“. 2016 hatte Gaedt in Zwingenberg bereits die deutsche Nationaloper schlechthin, den „Freischütz“, inszeniert. Gar nicht so schlecht für einen Regisseur, der als Comedian bei der „Kleinen Tierschau“ angefangen hat.

Begleitzettel wie beim Dönerladen

Wobei das Komödiantische noch immer da ist: Der Programmzettel, der den Besuchern ausgehändigt wird, sieht wie die Speisekarte von der Dönerbude an der nächsten Ecke aus. Ein Zufall ist das nicht – diese „Entführung“ soll in einer türkischen Berliner Disko spielen, die zu einer Casting-Show gebeten hat und deren Türsteher Osmin heißt. Bassa Selim ist der Eigentümer des Etablissements.

Warum auch nicht? Schließlich ist Mozart unter anderem ein Pionier des Türk-Pops. Und wenn man die Vorgaben von Regisseur und Bühnenbildnern (Gösta Schulte und Joachim Maier) erst einmal verdaut hat, wird die Handlung schnörkellos, lakonisch und bisweilen fast ein bisschen lahm entwickelt. Während man vom Gaedt’schen „Freischütz“ einen leichten Hang zu Überinszenierung, Aktionismus, permanentem Arbeitsnachweis im Gedächtnis hat, geht es hier ruhiger zu. „Exotica“ aus Neckarelz – von einer Showturngruppe dieses Namens – sorgen für ein wenig Glamour in der Vorstadtdisko. Und der Quickie zwischen Blonde und Pedrillo ist kein Hingucker: Er findet hinter einem Kleiderständer statt.

Publikum feiert tapsigen Akteur

Aus dem Orchester unter Festspielleiter Rainer Roos kommen oft nachdenkliche, sorgfältig gedämpfte Töne. Bei den Vokalisten gibt es keinen Ausfall, aber manche kleine Einschränkung: Thembi Nkosi als Belmonte etwa ist ein kultivierter, aber wenig durchdringender Sänger. Holger Ries, ein Zwingenberger Urgestein, ist als Pedrillo ausgesprochen textgewandt, aber beim Intonieren nicht gerade unanfechtbar. Spielfreude herrscht freilich immer: bei Xenia von Randows burschikoser Blonde ebenso wie beim nur scheinbar müden, bärenartig tapsigen Osmin von Werner Pürling. Ihn feiert das Publikum besonders.