Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Mittel gegen Radikalisierung

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

diese Woche wurde ein spannendes Thesenpapier der Zentralbank von New York veröffentlicht, verfasst von einem Rechercheteam rund um den Ökonomen Kristian Blickle. Die streitbare These: Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 soll mit ein Grund dafür gewesen sein, weshalb Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernehmen konnte.

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Das Papier wird unter Ökonomen bereits heftig diskutiert. Die Antworten sind zwar streitbar, die Fragen des Papiers jedoch dringlich: Wie weit sollen Regierung und Kommunen den Folgen der Pandemie entgegensteuern? Social Distancing wird sich noch lange auf die Wirtschaft auswirken, je länger diese Auswirkungen anhalten, desto gravierender die gesellschaftlichen Verschiebungen.

Für Kristian Blickle eignet sich Deutschland als Forschungsgegenstand, weil in deutschen Städten die Mortalitätsrate der Spanischen Grippe sowie die Haushaltsausgaben minutiös verzeichnet wurden: Man erfährt, in Deutschland starben insbesondere junge Menschen an der Spanischen Grippe. Die Strategien, mit der deutsche Städte damals die negativen Effekte zu mildern versuchten, sollten auch für die politische Landschaft entscheidend werden. Ausgaben für Schulwesen, den ÖPNV, aber auch die Kulturhäuser und öffentliche Räume wurden verglichen. Welches Verhalten stärkte in den nächsten zehn Jahren die rechtsextremen Ränder? Dort, wo viel gespart wurde, war eine Dekade später die Bereitschaft, die Nationalsozialisten zu wählen, größer. Für die Kommunisten ließe sich das nach Auswertung der Daten nicht bestätigen.

Wie lassen sich die Hilfsprogramme so konzipieren, dass sie der Bevölkerung in der Breite zugutekommen? Deutschland und Europa stehen vor historischen Verschuldungen, es herrscht Skepsis, doch das Thesenpapier argumentiert für solche Schritte: Insbesondere dort, wo die Austeritätspolitik am ausgeprägtesten war, wählten eine Dekade später Bürger die Nationalsozialisten, so das Forscherteam. Auch Städte, die viele Tote zu verzeichnen hatten, wählten eher die Nationalsozialisten.

Ein gutes Corona-Management ist folglich zentral für den sozialen Frieden. Die Autoren des Papiers halten ihre Studie für robust: Fehlentscheidungen im Pandemie-Management führen auf lange Sicht dazu, die extremen Ränder zu stärken. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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