Kultur

Burgfestspiele Jagsthausen Sewan Latchinian inszeniert und „entstaubt“ Goethes „Götz von Berlichingen“ / Pierre Sanoussi-Bliss in der Hauptrolle

Mittelalter-TV im Traditionsstück

Archivartikel

Nur hier dürfe der „Götz“ gespielt werden, soll einmal Heinrich George bei einem Besuch in Jagsthausen gesagt haben. 1950 war es dann zum ersten Mal soweit: Im Hof der Burg:, in der 1480 Götz von Berlichingen das Licht der Welt erblickt hat, wurde Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen mit der Eisernen Hand“ von Hans Meissner, mit Hermann Schamberg in der Titelrolle, inszeniert. Und jetzt steht das sogenannte Traditionstück, das seither sozusagen zum eisernen Bestand gehört und alle Jahre zu sehen ist, wieder auf dem Spielplan.

Viel hat sich geändert

Viel hat sich inzwischen geändert. 1957 und 1987 standen mit Walter Richter und Benno Sterzenbach sowie mit Rüdiger Bahr und Hans Herzog jeweils zwei Titelhelden in einer Spielzeit im Burghof.

1988 brach Wolfgang Kraßnitzer als Regisseur in einer sozusagen „verdrehten“ Aufführung mit einer Tradition, indem er die bislang stets auf der linken Seite vor einem neugotischen Spitzbogen angesiedelten höfischen Szenen nach rechts und die dort auf dem Wehrgang mit seinem geschnitzten Geländer und einer hölzernen Treppe und davor spielenden Götz-Szenen nach links verlegte.

Manche Regisseure negierten das Vorhandensein der Burg ganz oder sie verhängten sie gar. In diesem Jahr wartet Sewan Latchinian, der selbst bekennt, „das Stück bis zum letzten Sommer noch nie gelesen“ und es für eines der schwächeren und inzwischen verstaubten Goethes gehalten zu haben, mit einer Neuinszenierung auf.

Und so sieht es denn aus, nachdem er es „entstaubte“. Musik spielt in diesem Jahr eine große Rolle. Verantwortlich dafür ist das „Wallahalla“-Trio (Bernd Dölle, Uli Elsäßer, Hannes Schindler), das mit eigenen Kompositionen und Arrangements aufwartet, das Geschehen nicht nur musikalisch untermalt, sondern auch Zwischenmusiken beisteuert. Dazu wird auch noch gesungen, etwa von Elisabeth beim nahenden Tod ihres Mannes: „Dein Scheiden macht mir mein Herze schwer“. Doch ein Musical ist das Ganze dennoch nicht, dafür ein Mixtum compositum der Stile aus verschiedenen Zeiten. Sind in dem Sturm-und-Drang-Drama Goethes die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten der Götz-Zeit ebenso differenziert vertreten wie die Spannungen zwischen ihnen transparent werden, so wird dieser geistige und historische Kern des Stücks eher vernachlässigt. Dafür geht es hinsichtlich der Handlung und der Zeiten querbeet.

Wohl nimmt der Ausstatter Stephan Fernau die Burg wahr, doch sie genügt ihm nicht. So baut er etwa vor und um einen vorhandenen Turm einen weiteren auf, und dazu auf der rechten Wehrgang-Seite eine weiße Show-Treppe. Dort passiert dann einiges und das nicht nur am Hof zu Bamberg und bei Adelheid von Wall-dorf, sondern auch im Bauernkrieg. Und auch was seine Kostümierung der Darsteller betrifft, ist kein einheitlicher Stil auszumachen, vielmehr sieht man die wechselnde Mode der Jahrhunderte.

Noch weniger hält sich der Regisseur Sawen Latchinian an eine bestimmte Zeit. Da kommt auch das Fernsehen zu seinem Recht, indem etwa „Mittelalter TV“ in Wort und Bild, samt Interview – dessen Text wie so manches andere nicht von Goethe stammt – von der Vorladung von Götz und der Verhandlung auf dem Rathaus in Heilbronn berichtet. Nicht zu sehen bekommt man Kaiser Maximilian, man hört nur seine Stimme, die ihm Gernot Hertel leiht. Zu sehen ist lediglich eine Sänfte, aus deren Vorhang manchmal eine Kaiser-Puppe hervorlugt. Auch nicht von Goethe ist eine Art Vorspiel, in dem Karlchen als sozusagen menschliche Puppe sowie seine Mutter und seine Tante auftreten.

In der Titelrolle stellt sich Pierre Sanoussi-Bliss vor. Im African-Hair-Look, wohl mit Eiserner Hand, selten mit Brustpanzer, dafür mit modischer Hose, ist er ein Götz ohne Ecken und Kanten, der auch im Lauf des Geschehens keine große Wandlung durchmacht, umgänglich und bodenständig ist, seiner Rolle fast boulaverdeske Züge verleiht und einen eher weinerlichen Tod stirbt.

Christopher Krieg, vor drei Jahren der Götz, gibt den wenig höfischen Adalbert von Weislingen. Olaf Meyer als Bischof, der sich zuweilen herrisch gibt und laut wird – wie überhaupt häufig Dramatik mit Lautstärke verwechselt wird – vermählt ihn mit Adelheid von Walldorf. Im hochgeschlossenen weißen, aber auch bunten Kleid oder in roter Abendrobe, ist Ann-Cathrin Sudhoff eine etwas hysterische, kühle Witwe mit heller Stimme. Als Elisabeth und Marie gefallen Nuria Mundry und Nadja Wünsche. Ein etwas unreifes Jüngelchen ist der Franz des Johan Richter Profil gewinnen Heinrich Karge gleich in fünf Rollen, vor allem als Lerse und Ulrich Gall in zwei, vor allem als Selbitz sowie Christian Bock als Georg und Felix Frenken als Liebetraut.