Kultur

Enjoy Jazz Schlagzeuger Erwin Ditzner mit Pianist Chris Jarrett

Modetanz gewaltig aufgemischt

Archivartikel

Seinen großen Bruder Keith erwähnt er selbstverständlich nicht. Den glaubt ja ohnehin die ganze Welt zu kennen. Aber über die Familie Jarrett hören wir in Mannheim einiges – und durchaus Überraschendes: Sie stammte väterlicherseits zum guten Teil aus Deutschland – nicht, wie ursprünglich gedacht, aus Frankreich. Ehe sie ins früher mal Gelobte Land Amerika aufbrach. Chris Jarrett freilich ist nach langen Lehr- und Wanderjahren wieder in Europa angelangt, es ging von Allentown nach Oberotterbach, von Pennsylvania in die Pfalz. Er ist inzwischen Anfang 60, doch als Pianist vermittelt er noch immer einen manchmal überraschend kühnen, rauen Sturm und Drang.

Zumindest in der prall gefüllten Alten Feuerwache, wo der Drummer Erwin Ditzner – schon zum zwölften Mal bei Enjoy Jazz – seine „Carte Blanche“ ausspielt. Diesmal mit Jarrett. Beide kennen sich schon eine Weile. Völlig unerschlossenes Gelände wird hier also nicht beackert, und der Pianist erzählt, dass man im Vorfeld „doch etwas gebastelt“ habe. Dann folgt eine Nummer, die er einem seiner Vorfahren gewidmet hat, einem Herrn Jarrett, der in Pennsylvania wohl ein kleiner Revoluzzer war, nach dem das Militär suchte.

Deswegen geistert Marschmusik durch dieses Stück, und dass der Aufstand einer Wasser-Steuer galt, ist ebenfalls zu hören: Jarrett greift zu abgekochten Ton-Strudeln. Er ist ein wahrer Enzyklopädist der Tasten, der in einer Solonummer einen alten Modetanz der Renaissance gewaltig aufmischt (die Gaillarde), bevor die hymnische Klavierromantik des beschließenden Chorals durchaus an Bruder Keith erinnert.

Große Klangkulissen

In den Duos ist sein Spiel aber zumeist furios motorisch. Viele Töne sind das, aber kaum einer ist für die Katz’, Jarrett und Ditzner pflegen einen konzentrierten, komprimierten Zugriff. Doch der Schlagzeuger begnügt sich dabei nicht mit bloßen Rhythmen, Ditzner baut stattdessen immer wieder ganze Klangkulissen auf. Er setzt in seinem Solo eher auf Erzählkunst als auf Muskeln. HGF

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