Kultur

Musik aus dem Bauch

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, sollte ich von meinen Eltern einen Plattenspieler zum Geburtstag bekommen. Im Laden ging es unter anderem darum, ob es ein Mono- oder ein Stereogerät sein sollte. Noch heute höre ich, wie der Verkäufer sagte: „Stereo braucht der Junge nur, wenn er auch klassische Musik hört, für Popmusik reicht auch ein Mono-Plattenspieler.“ Damit war für mich klar, ich werde natürlich auch klassische Musik hören, und bekam prompt von meiner Oma zum Geburtstag eine LP mit Beethovens Fünfter. Das pochende Schicksal eines immer mehr zur Taubheit Verdammten hatte schon deshalb für mich eine Bedeutung, da auch Oma uns zunehmend schlechter hören konnte.

Das Fatale an der Sache war, dass gerade diese Oma die einzige im Haus war, die zumindest ein wenig von Musik verstand. Meine Schwester, die Geige spielte, wohnte schon nicht mehr bei uns. Also musste ich mich dem neuen Interesse alleine widmen, las eine Beethoven-Biografie, besuchte das Beethoven-Haus in Bonn und kaufte mir Beethoven-Platten, mit denen meine Freunde nichts anfangen konnten.

Beethovens Sonaten lagen auf dem Notenpult meines Klaviers direkt neben dem Beatles-Songbook, und ich spielte regelmäßig daraus. Beethovens Musik kam für mich immer direkt aus dem Bauch. Mit den LPs und dem damals noch eher dürftigen Klavierspiel frönte ich meiner einsamen Leidenschaft.

Einsam? Nein, nicht ganz einsam! Ich erinnere mich heute noch an „Fidelio“ mit René Kollo in der Hauptrolle zur besten Sendezeit im ersten Programm. Wer hat mit mir vor dem Fernsehgerät gesessen, gespannt wie sonst nur bei Fußballspielen? Klar: Oma.

Clemens Kitschen ist Pianist, Autor von Klavierschulen und Begleiter der Kabarettistin Madeleine Sauveur.