Kultur

Schwetzinger Festspiele Das SWR-Vokalensemble singt

Musik der Passion trifft Gesualdo

Archivartikel

Schwetzingen.Wenn das SWR-Vokalensemble auftritt, darf man sicher sein, einem besonderen Ereignis beizuwohnen. Das liegt natürlich in erster Linie am Chor selbst, der seit langer Zeit Maßstäbe setzt. Aber gewiss auch an den Programmen, die stets Mut in der direkten Auseinandersetzung mit unterschiedlichen stilistischen Formen beweisen.

„Tag der Arbeit“ wird im Programmheft für das Konzert in der Schwetzinger Kirche St. Maria lapidar vermerkt. Der Bezug mag, wenn überhaupt, in der ausgeprägten Disziplin und Konzentration liegen, die der Chor unter der Leitung von Marcus Creed beweist. Ein hartes Stück Arbeit, gewiss; doch die knapp 30 Sängerinnen und Sänger lassen in der Bewältigung des anspruchsvollen Programms weder Mühen noch Anstrengungen erkennen.

Konsonanter Wolfgang Rihm

Wenige Wochen vor Pfingsten lassen wir uns noch einmal in die Trauerstimmung der Karwoche versetzen. Mit „Tenebrae“, also „Finsternis“, ist das Konzert überschrieben. Es konfrontiert Responsorien des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo mit Passionsmotetten von Wolfgang Rihm. Alt trifft auf Neu – und doch lässt sich dieses Konzert keineswegs auf diesen einfachen Nenner bringen.

Stattdessen hat sich Zeitgenosse Wolfgang Rihm an die filigrane Kontrapunktik des 500 Jahre zuvor lebenden Italieners angelehnt; seine Motetten klingen freilich um einiges expressiver und hierdurch emotionaler; dennoch entstehen im Wechsel zwischen beiden Komponisten keine schmerzlichen Brüche. Zumal Rihm in seinen Motetten weder Tonalität noch Konsonanz ausschließt. Und Gesualdo selbst wirkt in der unmittelbaren Konfrontation mit der Moderne auf eine beinahe radikale Weise aktuell.

Furcht und Klage

Allerdings ist es eben auch das Verdienst des SWR-Vokalensembles, die Stilformen des Frühbarock durch nuancierte Übergangsdynamik, sprachorientierte Artikulation und affektbetonte Steigerungen bis an ihre Grenzen auszureizen. Todesfurcht und Vergänglichkeitsklage verschaffen sich auf diese Weise ungemildert Ausdruck. Karfreitag wirft seinen kühlen Schatten.

Mit welcher Behutsamkeit und Sicherheit Sängerinnen und Sänger intonieren, wie homogen sie die Themen durch die Stimmgruppen fließen lassen, wie zart und geradezu rein sich dieser Gesang entfaltet – das ist schon ein spiritueller Vorgang an sich. Transzendenzwirkungen bleiben da nicht aus. Der Kirchenbesucher mag sich, dies sei ohne pathetische Übertreibung nachgetragen, von diesem Gesang regelrecht gesegnet fühlen.