Kultur

Theater Heilbronn Gastspiel des Theaters Freiburg mit „Die Fledermaus“ / Verwirrte Hormone und gemeine Intrigen

Musikalisches Feuerwerk floppt inszenatorisch

„Ich lade gern mir Gäste ein“ trällert Prinz Orlofsky. Er ist nicht zimperlich im Umgang mit seinen Gästen: „Und sehe ich, es ennuyiert sich jemand hier bei mir, so pack’ ich ihn ganz ungeniert, werf’ ihn hinaus zur Tür. Und fragen Sie, ich bitte, warum ich das denn tu’? ‘S ist bei mir so Sitte, chacun á son goût!“ Das ist eines der champagnerlaunigen Couplets aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. Den Wienern war das feuchtfröhliche Spiel um Seitensprung und Rachegelüste bei der Uraufführung 1874 eine Spur zu „pariserisch“.

Seine Erfolgsgeschichte trat der Nachtschwärmer wenig später beim zweiten Anlauf – mit mehr als 100 Vorstellungen – in Berlin an. Seither feiert die Strauss-Operette, samt Gassenhauern, Erfolge weltweit, ja sorgt, wie die Salzburger Inszenierung von Hans Neuenfels (2001), auch für Skandale. Umso gespannter war man auf das Gastspiel des Theaters Freiburg, das „Die Fledermaus“ in der Regie der Neuenfels-Schülerin Beate Baron auf die Bühne des Theaters Heilbronn brachte. Verwirrte Hormone, gemeine Intrigen und gelangweilte Eheleute, die Fledermausstory ist so unübersichtlich wie viele Operettengeschichten. Sie kritisiert Doppelmoral und Heuchelei, dabei zehrt sie vom Chaos witziger Verwechslungen. Rosalinde von Eisenstein will gerade mit ihrem Lover loslegen, als der in den Knast muss, weil der Gefängnisdirektor ihn für ihren Ehemann Gabriel von Eisenstein hält.

Dramatische Ohnmachtsanfälle

Solen Mainguené (Sopran) als Rosalinde gibt die exaltierte Blondine; dieser Vamp kann zwar nicht Comedy, dafür umso schöner Koloratur singen – und herrlich dramatisch in Ohnmacht fallen, am laufenden Band, quasi als Markenzeichen.

Mehr als ebenbürtig macht Samantha Gaul (Sopran) in der Doppelrolle des koketten Stubenmädchens Adele und der vermeintlichen Schriftstellerin Olga Bella Figura; eine klassische Soubrette, bei der jeder Ton und jeder Outfit perfekt sitzt. Zwischen den weiblichen Verlockungen tänzelt – klein, rund und temperamentvoll – Roberto Gionfriddo als Gatte und Schwerenöter Gabriel von Eisenstein.

Zum dunkel timbrierten Charaktertenor bilden seine erregten Wechselschrittchen einen wunderbaren Kontrast.

Großes Vergnügen am Überzeichnen zeigt Juan Orozcos als Gefängnisdirektor Frank.

Michael Borths Dr.Falke hat herrlich lyrische Baritonqualitäten, dagegen ist Joshua Kohls Heldentenor für den Lover Alfred eine Spur zu dick aufgetragen. Inga Schäfer (Mezzosopran) bleibt in der Hosenrolle des Prinzen Orlofsky stimmlich vage und zeigt kaum Bühnenpräsenz. Das gilt auch für Adeles Schwester Ida, verkörpert durch Juliane Stolzenbach Ramos (Sopran); ihr fehlt der Sexappeal, da hilft leider auch das, Lisa Eckart (österreichische Kabarettistin), nachempfundene Kostüm nicht weiter.

Dreigeteilt ist die Drehbühne (Bühne: Michel Schaltenbrand): ein Gründerzeitsalon im ersten Akt, weiß und grau der unterkühlte Charme des russischen Interieurs im zweiten, schließlich das Gefängnis im letzten Akt: ein Hinterbühnen-Bretterverschlag.

Öde Stehparty

Beate Baron (1977) folgt weniger der provokanten Regietheater-Spur von Neuenfels als den musikwissenschaftlichen Erkenntnissen von Kevin Clarke. Ein fragwürdiges Unterfangen, denn Clarke postuliert „Die Geburt der Operette aus dem Geist der Pornographie“ (so zu lesen im Programmheft). Statt sinnlich ausgelassen und erotisch überdreht, wie die Musik suggeriert, schickt sie ihre notgeilen Akteure im Klamottenmix (Kostüme: Gwendolyn Jenkins), der zeitlich überall und nirgends angesiedelt sein könnte, am ehesten dem Trash der 1980er zuzuordnen ist, zu einer öden Stehparty in der unterkühlten Atmosphäre des russischen Gastgebers.

Egal ob Polka, Walzer oder Galopp aufgespielt werden, choreografisch (Choreografie: Graham Smith) tritt das Stück buchstäblich auf der Stelle, wenn sich die Party-Gäste mit Blasendruck in die Warteschlange (vor der Toilette) einreihen.

Auf der Suche nach dem Pornografischen verliert sich die Regie in Klamauk und Beliebigkeit.

Dabei treibt sie der spritzigen Vorlage Witz und Humor aus. Während der Dialoge sackt die Spannung, sobald Gerhard Markson den Taktstock hebt, steigt sie erfreulicherweise wieder. Von der Ouvertüre bis zum Finale entfacht der Dirigent mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg ein musikalisches Feuerwerk.

Das sprüht vor Esprit, Erotik und Tanzlaune – kurz: allem, was die Inszenierung vermissen lässt.