Kultur

Literatur Zwei neue Veröffentlichungen zeigen den Schriftsteller Wilhelm Genazino als klugen Gesprächspartner

Nähe von Erfolg und Scheitern

Vom späten Erfolg als Schriftsteller, der sich mit „Ein Regenschirm für diesen Tag“ aus dem Jahr 2001 einstellte, war er selbst überrascht. Er habe sich, hat der im Dezember 2018 mit 75 Jahren verstorbene Wilhelm Genazino einmal dieser Redaktion gesagt, längst damit abgefunden gehabt, „randständig zu bleiben“. In gewisser Weise war das aber auch weiterhin der Fall.

Der 1943 in Mannheim geborene und aufgewachsene, später in Frankfurt lebende Autor war ein leidenschaftlicher Spaziergänger und Beobachter seiner Mitwelt. Was er sah und registrierte, ging in seine Bücher ein, sofern es aussagekräftig war und nachdem er es entsprechend literarisch bearbeitet hatte. Und in diesen Romanen spielte auch immer wieder eine Person die Hauptrolle, die sich am Rande hält und den allgemeinen Erfolgserwartungen beharrlich verweigert – und die viel zu Fuß unterwegs ist und Beobachtungen macht.

Genazino ging seinen eigenen Weg, war auch im Literaturbetrieb ein Solitär und schrieb die feinsinnigen und oft kritisch-ironischen Bücher, die zu ihm passten. Wie der Autor wurde, was er war, wie er über sich, sein Schreiben und die Literatur überhaupt dachte, ist jetzt in zwei Anfang August erscheinenden Veröffentlichungen erneut zu erfahren.

„Fast eine Komödie“ hat der Journalist Ulrich Rüdenauer sein schmales Buch genannt, im Untertitel „Gespräche mit Wilhelm Genazino“ (Ulrich Keicher Verlag, 12 Euro); nach einer kundigen Einführung folgen die Gesprächsausschnitte selbst, im lebendigen Wortlaut und in thematische Unterabschnitte gegliedert, wie „Der Geist der Zeit“ oder „Fiktionalisierung des eigenen Lebens“.

Anja Hirschs Gespräche mit Genazino über sein Werden und seine Biografie erscheinen in der von Norbert Wehr herausgegebenen Literaturzeitschrift „Schreibheft“ (Rigodon Verlag, 15 Euro). Der Zusammenhang zur Literatur ist auch hier gegeben, nicht umsonst ist Genazinos „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ über einen jungen Mann, der Schriftsteller werden möchte und sich zunächst als Lokaljournalist versucht, autobiografisch gefärbt und ein Beispiel der erwähnten „Fiktionalisierung des eigenen Lebens“. Und die prägenden Kindheits- und Jugendjahre kommen auch im letzten Roman des Büchner-Preisträgers, „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“, noch einmal sehr nah.

Man erfährt, worum sich die Literatur Genazinos und nicht nur diese dreht. In den Worten Rüdenauers war der tiefere Kern seiner Bücher die Frage, wie man sich zur Möglichkeit des Scheiterns verhält, zu all dem, was dem Erfolg vorausgeht und seine bleibende Alternative ist. „Das Scheitern ist wichtig, damit der Mensch merkt, was für einer er ist, wie er mit seinem Misslingen umgeht“, formulierte Genazino in einem der Gespräche. Scheitern setze viele Erkenntnisse frei. An Aktualität büßen solche Worte nichts ein. Ebenso ist es mit Genazino und seinem Werk.

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