Kultur

Literatur Lars Gustafssons nachgelassener Roman „Dr. Weiss‘ letzter Auftrag“ erscheint erstmals auf Deutsch / Mischung aus Mythos und Science-Fiction

Nasse Wollsachen und Zeitreisen

Archivartikel

Den Nobelpreis hat er nie bekommen – skandalös. Lars Gustafsson, geboren 1936 in Västerås, gestorben 2016 in Stockholm, war ein begnadeter Erzähler, Lyriker und Essayist. Auch als Romanautor und Philosoph war Gustafsson ein Schwergewicht. Bereits in seinem frühen Zyklus „Risse in der Mauer“ etablierte er sich als verlässlicher Chronist des Zeitgeists. Seinen deutschen Lesern waren die 1960er/70er Jahre Schwedens erst durch diese überzeugende Bestandsaufnahme zugänglich und anschaulich geworden.

So gewann er sich mit seinen schmalen, ungeheuer dicht gewobenen Romanen bald ein hellhöriges Publikum, das seinen philosophisch differenzierten Analysen lustvoll auch in schwierige Diskurse folgte. Da sezierte er in einer schlichten, aber ungemein konzisen Sprache so poetisch wie stringent die leicht bizarre Wesensart der schwedischen Provinzler, die er unnachahmlich fantasievoll in die Welt hinausgetragen hatte. Jetzt liegt aus dem Nachlass der Roman „Dr. Weiss’ letzter Auftrag“ vor, ein spannendes, aus Mythos und Science-Fiction schöpfendes skurriles Puzzle seiner vielfältigen Themen und Motive.

Ein völlig anonym gehaltener, etwas eigenbrötlerischer Dr. Weiss wird durch den Auftrag einer sonderbaren Bruderschaft, eine mythische Eisenkrone aufzuspüren, die die Intelligenz verstärkt und seit Jahrhunderten verschollen ist, in einen wilden raumzeitlichen Wirbel quer durch alle Weltalter und Gegenden verstrickt. Dabei gerät er in Kontakt mit einem kuriosen Zwergenvolk, das er erlösen soll, sobald er jener sagenhaften Krone habhaft wird. Man müsste viel mehr zu Physik und Mathematik erklären, als hier aufzudröseln möglich ist, um diese wunderlichen Zeitreisen zur Strenge eines Einsteinschen Lichtkegels gebührend in Bezug zu setzen. Was Zeit ist oder eine Zahl, eine Person, eine Erinnerung, ein Traum, ein Kunstwerk oder eine Halluzination – wer kann das sagen?

Tiefer Abgrund

Da das sichtbare Universum Dr. Weiss, wohin er auch gerät, nur immer neue Streiche spielt, indem die Dinge ihn auf das, was hinter ihnen liegen mag, verweisen, verschwimmen die Konturen der bekannten Welt in einem Abgrund, tiefer als die Sprache dringt. „Fast alles, was ich sah oder dachte, ist sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, in Worten wiederzugeben.“ Was ist Physik, was Meta-Physik, was ist Vergangenheit, was Zukunft? Wo Dr. Weiss sich jeweils aufhält, bleibt so offen wie sein Zeitgefühl. Gleich zu Beginn gerät er in Gefangenschaft in einem Hilbert-Raum, weiß aber nicht, ob für Minuten oder Jahre. Und wer weiß, wie der Roman, den Gustafsson nicht mehr vollenden konnte, ausgegangen wäre ...

Es ist einmal mehr die Stimme von Verena Reichel, die Lars Gustafsson mit freundschaftlicher Selbstverständlichkeit die Wörter zureicht, die ihn längst zu einem deutschen Autor von erstrangiger Präsenz gemacht haben und jetzt – sonderbar – sein Testament geworden sind. Auch dies Vermächtnis, indem der Roman Fragment blieb, gibt noch immer die zentrale Botschaft weiter, die sich fast als Markenzeichen Gustafssons ins solidarische Gedächtnis seiner Leser eingeschrieben hat: „Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.“

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