Kultur

Geburtstag Schauspieler Mario Adorf wird an diesem Dienstag 90 Jahre alt / Große Erfolge in „Der große Bellheim“ oder „Kir Royal“

Naturgewalt des deutschen Films

Archivartikel

Heute hadert Mario Adorf mit der Rolle, die das Sprungbrett seiner Karriere war: die des Massenmörders Bruno in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“. Das Porträt eines naiven und mörderisch-gefährlichen jungen Mannes in der Zeit des Nationalsozialismus geriet zu seiner ersten großen künstlerischen Leistung. Heute wissen wir, dass Bruno Lüdke wahrscheinlich keinen der ihm angelasteten Morde begangen hat. In einem Interview mit der „Zeit“ hat Adorf seine Schuld bedauert: „Ich habe als Schauspieler diesem Bruno Lüdke Unrecht getan.“

Das ist redlich. Adorf zählt zu Recht zu den beliebtesten deutschen Schauspielern. Und zu den fleißigsten. In mehr als 200 Filmen hat er mitgewirkt. Als Adorf 1957 die Rolle des Massenmörders annahm, war das die elfte Filmrolle innerhalb von nur drei Jahren. Seinen ersten Kinoauftritt hatte er in dem deutschen Spielfilm „08/15“ im Jahr 1954.

Starke physische Präsenz

Nach seiner Entdeckung wurden ihm Schlag auf Schlag interessante Rollen angeboten. 1958 war er der freche Bänkelsänger in Rolf Thieles Satire „Das Mädchen Rosemarie“, 1959 der intelligente „Kopf“ einer Berliner Jugendbande in Gerd Oswalds „Am Tag als der Regen kam“. In Georg Tresslers Verfilmung von Travens Roman „Das Totenschiff“ gab er den Matrosen Lawski mit einer für das damalige deutsche Kino unbekannten und ungeheuer starken physischen Präsenz.

Vielleicht kam ihm dabei zugute, dass er vor seiner Schauspielerkarriere Boxer war. „Jede Einstellung, jede Bühne betritt er mit der Wucht einer Naturgewalt“, schrieb 2010 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über Adorf, der unter anderem den Grimme-Preis, das Bundesverdienstkreuz sowie den Deutschen und den Bayerischen Filmpreis erhalten hat. Geboren wurde er 1930 in Zürich als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter. In den 1950er Jahren studierte er in Mainz und in Zürich quer durch fast alle Wissensgebiete und begann, Fremdsprachen zu lernen. Das erleichterte ihm seine spätere Laufbahn sehr: Adorf spricht neben Deutsch perfekt Englisch, Französisch und Italienisch.

Er gehörte zu den Schauspielern, die in den 1950er Jahren den Mief aus dem deutschen Kino jagten. Und zu den wenigen, die international Fuß fassten. In Hollywood spielte er 1964 in Sam Peckinpahs Western „Major Dundee“. Als Bösewicht hat er den Karl-May-Produktionen seinen Stempel aufgedrückt und wirkte in Filmen mit, die unter seinem Niveau lagen, in Mafia-Thrillern und Komödien. Gleichzeitig gab es Theaterauftritte. Adorf hatte seine Karriere an den Münchner Kammerspielen begonnen.

In der Bundesrepublik entdeckte ihn der junge deutsche Film. Er spielte bei Schlöndorff in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1978) und „Die Blechtrommel“ (1979) und bei Fassbinder in „Lola“ (1981). Sogar Daniele Huillet und Jean-Marie Straub setzte er sich in der Kafka-Adaption „Klassenverhältnisse“ (1984) aus.

Prägnante Auftritte im Jugendkino

Aber alle diese Auftritte waren im Grunde Gastrollen, wirklich präsent wurde er in Deutschland erst wieder in den 1990er Jahren in großen Serien. Damit begann eine glänzende Alterskarriere, vor allem in Dieter Wedels „Der große Bellheim“ (1992) und „Der Schattenmann“ (1996). Brillant auch seine Auftritte bei Helmut Dietl in „Kir Royal“ (1986) und als Wirt im Kinofilm „Rossini“ (1997). Adorf hat, wie Wedel es formulierte, den „Schritt vom Schauspieler, der häufig Charakterrollen spielt, zum Mittelpunktschauspieler vollzogen“. Und er ist das geworden, was er wegen seiner Qualität und Kamera-Präsenz eigentlich schon immer war: ein Star.

Auch im neueren deutschen Kino hat er Spuren hinterlassen, in kleinen, aber prägnanten Auftritten in den Jugendfilmen „Die rote Zora“ (2008) und „Same Same but Different“ (2009) etwa, oder als KZ-Überlebender in „Der letzte Mentsch“ (2014). Er kenne sich aus im deutschen Kino und sei offen für die Jungen, hat er immer wieder betont.

Wie er feiern wird? „In Anbetracht der Coronakrise im allerkleinsten Kreise“, verriet er. Ohnehin ist er mit wenig zufrieden, so scheint es: „Ich habe keinen großen Wunsch mehr, eher viele kleine.“

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