Kultur

Kunst Im Frankfurter Städel sind unter dem Titel „Im Labyrinth der Moderne“ Arbeiten des französischen Malers Victor Vasarely zu sehen

Neuer Blick auf flirrende Bilder

Archivartikel

Tagsüber Werbegrafiker, nachts Maler – diese 15 Jahre in Paris von 1930 bis 1945 haben sein Werk stark geprägt. So erfuhr Victor Vasarely (1906-1997, Bild) die Wirkung der visuellen Wahrnehmung im Brotberuf und setzte seine Erfahrungen in Kunst um. 1948 schlug dann die eigentliche Geburtsstunde des Künstlers in einem Dorf. Dort blendete ihn die Sonne so sehr, dass er die Häuser als plane Flächen sah, die je nach Licht und Schatten hin und her kippten. Was vorne und hinten, was Fläche und Form war, schien kaum unterscheidbar.

Präsentation in Ludwigshafen

Diese Auflösung der Hierarchie übertrug er auf Bilder mit farblich voneinander abgesetzten, abstrakten Formen. Sein Frühwerk wird unterschätzt, was das Frankfurter Städel nun ändern will.

Die letzte große Schau in Deutschland fand 1997/98 im Hack-Museum Ludwigshafen statt. Nun versammelt das Städel rund 100 Gemälde, Skulpturen und Grafiken aus dem 60 Jahre währenden Schaffen des gebürtigen Ungarn. Vasarely gilt auch als Mitbegründer der Op-Art, die aus geometrischen Figuren optische Täuschungen erzeugte. Die Schau setzt auf dem Höhepunkt seines Ruhms in den 70ern ein und arbeitet sich über die psychedelisch bunten Bilder der 60er bis zu den späten 20er Jahren vor.

Das ist ein guter Einstieg, erinnern sich doch viele Kunstfans an die knalligen, scheinbar vor- und zurückspringenden Kreise und Quadrate der 60er und 70er. Für Vasarely sollte Kunst demokratisch sein, leicht verständlich und dank hoher Auflagen als Grafiken und Poster auch für alle erwerbbar. Das führte dazu, dass man bei jedem Arzt mit flirrenden Vasarely-Bildern beglückt wurde, die man bei solchen Terminen nicht sehen wollte. Der Künstler stolperte über seinen Erfolg, das Allgegenwärtige wurde langweilig.

Nun ist die Zeit reif für einen frischen Blick. Die Schau beginnt mit dem Speisesaal für hohe Gäste der Deutschen Bundesbank von 1972. Den Raum hatte Vasarely mit runden Scheiben in verschiedenen Farben und Materialien an Wänden, Decken und Böden ausgestattet. Die Installation wird später im Pariser Centre Pompidou zu sehen sein.

Nach dem Speisesaal folgen Vasarelys poppige Bilder der 60er, als er schon viel weiter als der Computer war. Ein binäres Modul mit unendlichen Kombinationen ist auch das „Plastische Alphabet“ von 1959 aus nur zwei Farben und zwei Formen, die sich explosionsartig ausbreiten. Dazwischen können, dank der offenen Stellwände, die Blicke wunderbar umherschweifen. Wird im Erdgeschoss der Städel-Halle der bekannte Vasarely gewürdigt, geht es im Obergeschoss um den Vasarely der 20er bis 40er Jahre, den unterschätzten Beobachter der Avantgarde. Noch in den 50ern malt er eine „Hommage an Malewitsch“, eine Variation des berühmten „Schwarzen Quadrates“ (1915), das er durch mehrere Quadrate und Rauten ins Rotieren bringt.