Kultur

In Karlsruhe und Stuttgart Goethes „Faust. Erster Teil“

Nicht nur Margarete graut es

Die zwei Staatstheater des Landes, in Karlsruhe und in Stuttgart, präsentieren zum Auftakt der neuen Spielzeit Goethes „Faust. Erster Teil“. Im Großen Haus des Badischen Staatstheaters und im Schauspielhaus in Stuttgart steht das klassische Drama auf dem Programm – allerdings jeweils aus modernistischer Sicht freier Regisseure.

Musiker darf mitspielen

In Karlsruhe benötigt Michael Talke vier Schauspieler und drei Schauspielerinnen, die Inge Medert kostümiert hat, um seine Ideen im Bühnenbild von Barbara Steiner umsetzen zu können. In Stuttgart kommt Stephan Kimmig sogar nur mit zwei Darstellern, zwei Darstellerinnen und einem Musiker aus, der auch zuweilen mitspielen darf.

Dagegen genügt Stephan Kimmig, der ihn, ebenso wie Michael Talke, durch den Wolf dreht und in neuer Zusammenstellung anbietet, Goethes Text, allein nicht, vielmehr glaubt er, ihn mit Texten aus „Faustin and out“ von Elfriede Jelinek, nach deren (Schnaps-)Idee von „Sekundärdramen“, bereichern zu müssen. In beiden Aufführungen spielen die Darsteller mehrere Rollen. Dabei wird auch nicht unterschieden, ob es sich um männliche oder weibliche Figuren handelt. In Karlsruhe hört man den live gesprochenen Text auch schon einmal parallel dazu aus dem Off und dort verkündet Margarete schon bald, dann aber auch am Ende. „Heinrich! Mir graut‘s vor dir“, während in Stuttgart die Geschichte mit einem Faust-Mephistopheles-Hexensabat endet, nachdem es zuvor schon nicht nur Margarete gegraut hat.

In Karlsruhe sind die einzelnen Rollen zumindest noch gewissen Darstellern zugeordnet, während im Stuttgarter Programmheft nur zu lesen ist: „Mit...“ und dann folgen lediglich die Namen der Mitwirkenden.

Ein Pudel spielt auch mit

Doch das hat auch seinen Grund und nicht nur den, dass der Faust von zwei Schauspielern verkörpert wird, die zumeist ganz in Weiß auftreten. Dabei ist Elmar Roloff auch noch Wagner. Und Paul Grill darf als Faust auch schon einmal nackt auftreten und Margarete huckepack tragen. Diese Margarete und dazu noch der Herr im Prolog im Himmel ist die blonde Lea Ruckpaul, die nicht nur Cello spielt, sondern auch am Schlagzeug sitzt, wo eigentlich der Platz des auch singenden Musikers Malakoff Kowslski ist.

Ganz in Schwarz absolviert Sandra Gerling ihre Aufgabe als Mephistopheles die sich, wie Buch andere, zuweilen eines Mikrofons bedient. Zu Beginn sitzt ein lebendiger schwarzer Pudel vor dem mit Schiebetüren versehenen, sich drehenden Hauptelement des Bühnenbilds von Katja Heiß, der im Folgenden nicht mehr auftritt, auch wenn von ihm die Rede ist.

In beiden Aufführungen werden Nebelmaschinen eingesetzt. In diesen Nebelschwaden verschwindet auch manches der Regiekonzepte. Für die Kostümierung der Akteure zeichnet in Stuttgart Sigi Colpe verantwortlich. In Karlsruhe ist das Inge Medert, die schwarze Engel mit weißen Flügeln und für Margarete einen Petticoat beisteuert: Diese blondbezopfte Margarete ist Kim Schmitzer, die, wie auch die anderen, von dem Regisseur Michael Talke in pantomimischer Hinsicht gefordert wird.

Erinnerung an Stummfilmzeiten

Den glatzköpfigen Mephistopheles gibt Heisam Abbas. Lisa Schlegel ist Martha Schwardtlein, Luis Quintana der Valentin. Als Wagner tritt Sven Daniel Bühler auf der auch noch – eine Neuerfindung – Gretchens Mutter spielt. Als Herr, Hexe und Lieschen tritt Meik von Severen in Erscheinung. Die Titelrolle ist Jannek Petri vorbehalten, der ebenso wie die Musik von Johannes Mittel an expressionistische Stummfilmzeiten erinnert. Dieter Schnabel