Kultur

Kulturpolitik Ein umstrittenes Kunstprojekt in Berlin scheitert an technischen Schwierigkeiten / Veranstalter sind enttäuscht und wollen Entscheidung prüfen lassen

Niemand hat die Erlaubnis, eine Mauer zu bauen

Archivartikel

So einfach wie DDR-Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht vor 57 Jahren hatte es Ilya Khrzhanovsky, in London lebender Russe mit bulgarischem Pass, nicht. Seine Absicht, im Zentrum der deutschen Hauptstadt die Berliner Mauer wiederaufzubauen, ist in diesem Jahr nicht mehr zu verwirklichen. Wie Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) und Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) vom Bezirksamt Mitte mitteilten, scheitert das Projekt an technischen Problemen und Zeitdruck.

Geplant war die Eröffnung des Projekts für den 12. Oktober. Am historischen Datum 9. November sollte der Mauer-Nachbau wieder fallen. Die Veranstalter, zu denen die Berliner Festspiele gehören, zeigten sich gestern enttäuscht und wollen die Entscheidung prüfen lassen.

Originalgetreu, 3,70 Meter hoch und 800 Meter lang, mit Mauerkrone und Wachturm hätte das Bauwerk zwischen dem Boulevard Unter den Linden, Bebelplatz und Französischer Straße auf einer Fläche von 35 000 Quadratmetern entstehen sollen. Regisseur Khrzhanovsky wollte innerhalb der Mauer ein mehrstündiges Film- und Performance-Werk zeigen, das den russischen Physik-Nobelpreisträger Lew Landau (1908-1968) porträtiert.

Landaus Spitzname „Dau“ ist Namensgeber für das 6,6 Millionen-Projekt, das von dem Putin-Vertrauten Sergey Adoniew finanziert werden sollte. Die Vorbereitungen waren weit vorangeschritten. In Brandenburg und Polen warteten 800 eingelagerte, jeweils 2,75 Tonnen schwere Mauersegmente auf den Transport nach Berlin. Dort hatten sich die Touristiker von der vierwöchigen Aktion eine halbe Million Besucher erhofft. Bis zuletzt war das Projekt umstritten. Während Kulturstaatsministerin Grütters (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Müller (SPD) dem Vorhaben wohlwollend gegenüberstanden und sich Kultursenator Lederer (Linke) heraushielt, fürchteten Kritiker eine Art Geisterbahn der Geschichte.

Gefühle verletzt?

Nach Ansicht des DDR-Bürgerrechtlers Konrad Weiß banalisiert das „Dau“-Projekt die kommunistischen Verbrechen und verletzt die Gefühle von Angehörigen der Mauertoten. Auch die frühere Stasiunterlagen-Beauftragte Marianne Birthler, Dirigent Christian Thielemann, Filmproduzentin Regina Ziegler und Journalistin Wibke Bruhns und Lea Rosh, Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, schlossen sich dem an.

Zuvor hatten sich Schauspieler und andere Kulturschaffende wie Lars Eidinger, Iris Berben, Tom Schilling und Veronica Ferres hinter Khrzhanovsky gestellt. Sie lobten den Kunstcharakter der Aktion und die Möglichkeit, in einem geschützten Kunstraum den Eindruck der Unfreiheit um der Freiheit willen zu erleben. Ein erboster Leserbrief-Schreiber hatte Regisseur Khrzhanovsky daraufhin im „Tagesspiegel“ aufgefordert, auf dem Roten Platz in Moskau das Straflagersystem Gulag aufzubauen, um dessen Schrecken erlebbar zu machen.