Kultur

Lesen.Hören Reporterinnen berichten vom NSU-Prozess

Notwendiger Nachhall

Archivartikel

Verhandlungstag 118: Eine Frau mit iranischen Wurzeln sagt im NSU-Prozess aus. Sie ist das Opfer eines Bombenanschlags, lag im Koma, „sah aus wie Grillfleisch“ – so hatte es ein Polizist formuliert. Im selben Jahr noch machte sie Abitur. Ob sie nicht daran gedacht habe, Deutschland zu verlassen? „Doch, kurz – und dann habe ich überlegt: Genau das wollten die doch.“

Es sind bewegende Szenen aus dem Prozess gegen die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrundes, die zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordeten. Szenen, von denen die Journalistinnen Annette Ramelsberger („Süddeutsche Zeitung“, SZ) und Gisela Friedrichsen (damals „Spiegel“) beim Mannheimer Literaturfestival Lesen.Hören in der Alten Feuerwache berichten. Moderiert von ihrer „taz“-Kollegin Doris Akrap, umrahmt von ergreifenden Texten der Autorin Özlem Özgül Dündar.

Ramelsberger hat mit ihren „SZ“-Kollegen fünf Bände veröffentlicht: „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“. Fünf Jahre, 438 Verhandlungstage – 12 000 Seiten Aufzeichnungen trugen sie zusammen. Offizielle Mitschriften gibt es nicht.

Richter „wie eine Würgeschlange“

Dass trotz des ernsten Themas auch gelacht wird, liegt an Richter Manfred Götzl. Beide Frauen schätzen ihn fachlich. Unkooperative Zeugen habe er „wie eine Würgeschlange“ zermürbt. Aber er sei eben auch ein Patriarch. Ein Mann mit „begrenzten Möglichkeiten, Empathie zu zeigen“. Einer, „der am meisten über seine eigenen Witze lachen kann“.

Im Hals bleibt einem das Lachen dann stecken, als die Journalistinnen von Zeugen berichten, die sich als „politisch normal“ einschätzen, aber ein Bild von Hitler im Keller stehen haben. Von johlenden NSU-Sympathisanten bei der Urteilsverkündung. Von dem Nebenklage-Anwalt, der ein Opfer erfunden hat.

Flüchtlingsdebatten, Pegida, Chemnitz: „Ich habe das Gefühl, das Böse hat im Laufe des Prozesses gestreut“, sagt Ramelsberger. Sie wolle, dass seine Stimmen nicht verhallen. Es gäbe noch so viel zu reden: über die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, ihre Verteidiger, den Verfassungsschutz. Doch die Zeit reicht nicht.