Kultur

O Gott! Welch ein Augenblick!

Archivartikel

Ist Beethoven, der Subversive, der Radikale, noch zu retten? Vielleicht nur im Auffinden der ganz persönlichen Lieblingsstellen. Mein Beethoven ist einer, dessen Passion für den Humanismus des anderen Menschen uns ein anderes Hören abverlangt. Es gilt in seiner Musik, das aufzuspüren, was sich in ihr als äußerste Verwundbarkeit musikalisch äußert. Auf fünf Stellen möchte ich hinweisen, die in diesem Sinne vom „O Gott! O welch ein Augenblick“ sprechen. In ihnen finden sich beschwörende Gesten, findet sich eine innerweltliche Transzendenz, deren Schönheit im Augenblick aufscheint und diesen gleichzeitig hinter sich lässt, ihn selbstständig überflügelt und sich aus dem Strom der Musik losreißt.

Mein erstes Beispiel ist das Adagio aus dem ersten Rasumowski-Quartett. In ihm ereignet sich in größter „Einfachheit“, was man musikalisch gestaltete Hoffnung als Vorschein von Erlösung nennen möchte.

Das pure Gegenbild dazu liefert mein zweites Beispiel: Dass das befreite Subjekt zugleich das vereinsamte und leidende ist, ereignet sich im dialogisch komponierten zweiten Satz seines vierten Klavierkonzerts. Oft wird dieses knapp sechsminütige Intermezzo, ein bewegtes Andante, nicht ganz zu Unrecht als der Gesang des Orpheus vor seinen Widersachern in der Unterwelt gehört. Es endet in allergrößter Hoffnungslosigkeit. Wenn es den Ernstfall in der Musik gibt, dann ereignet er sich in den letzten elf Takten: Das Flehen um Gnade bleibt ungehört, das pianistische Subjekt stürzt ins Nichts.

Eine weitere Augenblicks-Stelle ist das Quartett „Mir ist so wunderbar …“ in Beethovens einziger Oper Fidelio. Hier ist es der Blick zurück auf Mozart, den Beethoven zur Transzendierung einer schlechten Wirklichkeit nutzt. Im gleichsam heimatlichen Ton Mozarts, der fremd und abgründig wirkt im neuen Zusammenhang, gelingt den vier singenden Menschen in ihrer je eigenen Einsamkeit ein Moment gelingenden Miteinanders. Ein weiterer Moment des Einspruchs, nur wenige Takte lang, „ereignet“ sich für mich im dritten Klavierkonzert, nach der Kadenz, ganz am Ende des ersten Satzes. Alles scheint gesagt. Da überfällt den Pianisten eine Art Panik, die ihn aus seiner Gefasstheit schleudert – und wir Hörende fühlen uns erkannt.

Hinweisen möchte ich noch auf den Übergang vom ersten auf den zweiten Satz der Klaviersonate op. 57, der sogenannten „Appassionata“. Die ersten acht Takte des Andante werden in ihrer wahren, tröstlichen, fast Schubert’schen Dimension allerdings erst erkennbar durch die Coda des ersten Satzes, einer auskomponierten Katastrophe.

Ein letztes Beispiel entnehme ich dem Credo der „Missa solemnis“: Im Moment des „Incarnatus est“ stellt sich bei mir ein ums andere Mal Bestürzung ein. Sie wird zum Blick auf unser aller Menschen-Schicksal – als Offenbarung eines gänzlich nicht Erwarteten.

So mag jeder Hörende im Einspruch gegen eine falsche Vereinnahmung Beethovens seinen eigenen herausgehobenen Augenblick suchen und finden, zur Rettung eines wahrhaft großen Komponisten. Schon allein um der so schwer zu erringenden Hoffnung willen.

Albrecht Puhlmann ist Musiktheaterintendant des Mannheimer Nationaltheaters.