Kultur

Burgfestspiele Jagsthausen 70. Spielzeit mit dem Musical „The Addams Familiy“ eröffnet

Obskurer Clan mit Hang zum Okkulten

Zur 70. Spielzeiteröffnung der Burgfestspiele in Jagsthausen begrüßte Bürgermeister Roland Halter insbesondere den Schirmherrn Reinhold Würth und überreichte ihm eine kleine „Eiserne Hand“ des Götz aus Bronze, hergestellt von Professor Gunther Stilling zum 50-jährigen Jubiläum. „Recht spektakulär“ war für Reinhold Würth die Zahl von 45 000 bis 50 000 Besuchern pro Saison in dieser Region; er verglich das ländliche Jagsthausen dann mit der Stadt Bayreuth und ihren Festspielen mit 85 000 Gästen. Während der Bürgermeister zuvor Würth als unverzichtbaren Hauptsponsor hervorhob, legte Reinhold Würth Wert auf die Feststellung, dass man auch ideell zum Gelingen der Veranstaltungen habe beitragen können.

Gruseliger Beginn

Gruselig beginnt dann vor voller Tribüne die Premiere des Kultmusicals „The Addams Family“, das Franz-Joseph Dieken mit einem vielköpfigen Ensemble, darunter ein kleines Orchester unter der Leitung von Andreas Binder, mit viel Sinn für treffliche Unterhaltung inszeniert. Vielversprechend ist schon der Auftakt, als „das eiskalte Händchen“, so etwas wie ein Wachhund der Addams, auf die Bühne rollt und gleich mal nach dem Rechten schaut.

Die obskure Familie mit Hang zum Okkulten machte der amerikanische Zeichner Charles Addams erstmals 1938 mit einem Zeitungscomic populär.

Mit der Eröffnungsnummer „Bist du ein Addams“ werden dann rasch die Familienmitglieder vorgestellt. Familienoberhaupt ist Gomez, den Olaf Meyer mit viel Liebe zu den Kindern Wednesday und Pugsley und nicht zuletzt mit dem gehörigen Respekt vor seiner Angetrauten Morticia spielt. Die Ehefrau gibt Valerija Laubach als jede Situation beherrschende Clanchefin im eleganten schwarzen Abendkleid.

Spielfreude

Die Eltern fühlen sich vom Krawallmacher Pugsley genervt, der als Bombenbastler gerne alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in die Luft jagt und sich mit Wonne von seiner Schwester Stromschläge verpassen lässt. Luisa Meloni füllt die Hosenrolle spielfreudig und energiegeladen aus. Schwester Wednesday, die auf dem besten Wege ist, in die Fußstapfen ihrer willensstarken Mutter zu treten, wird von Nuria Mundry mit Elan und Querköpfigkeit auf die Bühne gebracht.

Oliver Frischknecht verkörpert Onkel Fester; einen übergewichtigen Gemütsmenschen der Addams-Sippe mit unverkennbaren kriminellen Neigungen. Geschwätzig und leicht dement stört Grandma, die Carolina Walker mit krummem Buckel und viel Sinn für die Bedürfnisse der Enkel amüsant spielt. An Frankenstein erinnert der sprachlose Butler Lurch, der wenig auf die Reihe bringt, dafür aber alle Aktivitäten mit tiefen Grunzlauten kommentiert. Felix Frenken gibt dieser Figur das nötige hünenhafte Auftreten.

Die Handlung des Grusicals ist überschaubar und simpel gestrickt. Die aufblühende Wednesday verliebt sich ausgerechnet in den völlig normalen Lucas und vertraut ihrem Vater an, diesen heiraten zu wollen. Als sie ihm das Versprechen abnötigt, dass dieser auf keinen Fall etwas der Mutter sagen dürfe, gerät der ratlose Vater in des Teufels Küche. Denn noch nie hat er vor seiner Morticia Geheimnisse gehabt.

Seltsames Gebaren

Prompt riecht diese den Braten, und das vereinbarte Dinner mit dem Antrittsbesuch von Lucas und seinen Eltern gerät ins Wanken. Dann kommt es doch zum Zusammentreffen zweier völlig gegensätzlicher Familien, das nicht ohne Folgen bleibt.

Den bis über beide Ohren verliebten, dann aber wieder an seinen Gefühlen zweifelnden Lucas verkörpert Alexander Sasanowitsch treuherzig und ohne Vorbehalte zum gruseligen Addams-Clan. Pierre Sanoussi-Bliss hat als sein Vater Mal Beineke die dankbare Rolle, als „Normalo“ die seltsamen Gebaren der Addams entgeistert kommentieren zu können, während seine Frau Alice, die Isa Weiß mit viel Verständnis für das verliebte Paar spielt, durch eine ihr von Pugsley versehentlich verabreichte Droge zu ihrem bisher unterdrückten wahren Charakter findet. Daraufhin sieht auch Mal Beineke die Welt mit anderen Augen.

Dass sich beide Familien versöhnen und dem Glück von Lucas und Wednesday nichts mehr im Wege steht, gehört zu diesem harmlosen Spaß einfach dazu. Erst mit diesem Happy End finden schließlich die vielen Untoten, die das Leben der Familie Addams begleiten, zu ihrer Gruft zurück.

Um sich mit fremdartigen Sitten und Gebräuchen nebst einigen morbiden Späßen ohne Vorbehalte auseinanderzusetzen, ist – angesichts vieler unterschwelliger und irrationaler Ängste in Europa vor den Flüchtlingen – ein Revival der Addams Family im Programm der Burgfestspiele sicher nicht die schlechteste Idee.

Besonders zu gefallen wussten die herrlichen Kostüme und der stimmige, bestens die romantische Burgkulisse unterstreichende Bühnenaufbau, der nur mit einem Nachteil behaftet war: Die Zuschauerreihen waren nicht steil genug, um von vielen Plätzen aus die zum Teil originellen Choreografien des überwiegend auf dem Bühnenboden agierenden Ensembles zu sehen.

Denn die Schauspieler und Sänger bespielten seltener die Treppen mit dem oberen Verbindungssteg. Hier fehlte schlicht ein erhöhtes Podest.

Die große Spielfreude und das schwungvoll-präzise spielende Orchester trösteten darüber hinweg, dass die Gesangsnummern in „The Addams Familiy“ nicht gerade zu den größten Musical-Hits zählen. Deshalb verdienten sich alle Mitwirkenden den ausgiebigen und ehrlichen Beifall der Premierenbesucher.