Kultur

Schlossfestspiele Zwingenberg Gala mit Wiener Strauss Capelle

Originales Klangkostüm mit Retro-Walzer-Schick

Archivartikel

Tradition kann manchmal auch zur Last werden. An heißen Sommerabenden gewiss: Die „originalen“ Uniformen (weiße Hosen und massive rote Fräcke) muss die Wiener Strauss Capelle sogar dann anziehen, wenn sie wieder einmal durch Brasilien tourt. Und weil sich das klimatisch nicht mehr allzu deutlich von den Zwingenberger Schlossfestspielen unterscheidet, wo der schwäbische Orchesterchef der Wiener, Rainer Roos, als Intendant amtiert, geht es im Neckartal durchaus ein bisschen an die physische Substanz.

Doch Tradition verpflichtet halt, auch wenn sie lange unterbrochen war – Johann Strauss’ Vater gründete den Klangkörper schon 1825, aber nach dem Tod des „Walzerkönigs“ Johann Junior gab es 78 Jahre lang keine Capelle mehr.

Inzwischen hat sie wieder die Lizenz für alles, was sich im Dreivierteltakt bewegt, und Rainer Roos ist Nachfolger der großen Sträusse. Moderator des Konzerts in Zwingenberg ist er natürlich ebenfalls, er macht gar Anstalten, den Schlosshof zu bespaßen, sich zum Entertainer zu verbiegen.

Dass er sich als Dirigent weit besser hält, macht ihn nicht unsympathisch, da beherrscht er durchaus jene Kunst des eleganten Gehen- und Geschehen-Lassens, die bei dieser Art Musik dazugehört. Im Ganzen ist die Strauss Capelle im Vergleich zu großen Sinfonieorchestern zweifellos „authentischer“, weil näher dran an Volksmusik und – ziemlich exquisiter – Kurkapelle. In der „Bauern-Polka“, einem Sommerhit von 1863, gibt es obendrein viel „Lalala“ vom Zwingenberger Festspielchor. Das ist bei Sommerhits noch heute weit verbreitet.

„Maestro-Walzer“ uraufgeführt

Solosänger gibt es auch bei dieser Operettengala: Thorsten Büttner, ein Tenor mit abgedunkeltem, baritonalem Timbre, singt aus voller Brust und Überzeugung. Seine Partnerin Arminia Friebe fühlt zudem „das Blut der Tänzerin“ (aus Franz Lehárs „Giuditta“) in sich brodeln und setzt Spitzentöne drauf wie Cocktailkirschen auf eine Champagnertorte.

Eine solche Gala ist kein Ort für Uraufführungen, doch eine gibt es trotzdem: einen „Maestro-Walzer“, den der Österreicher Peter Platt geschrieben hat. Nicht übel. Aber auch nicht wie von Johann Strauss.

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