Kultur

Theater Heilbronn Intendant Axel Vornam stellt die neue Spielzeit unter das Motto „Paradise Lost“

Paradies verloren, Planet verspielt

Der Apfel? Die Schlange? Oder Evas Neugier? Die Vertreibung aus dem Paradies, wie in der Bibel geschildert, muss neu gedacht, erzählt und geschrieben werden. „Paradise Lost“, so das Spielzeitmotto des Theaters Heilbronn, für das sich die Intendanz „bereits lange vor Corona entschieden hatte“, erklärt Axel Vornam bei der Vorstellung des Programms 2020/2021.

Nötigen Artensterben und Klimawandel samt Folgen schon seit langem zum Umdenken (ohne erwünschten Erfolg?), verweist die Pandemie nun einmal mehr auf globale Zusammenhänge, menschliches Versagen und die Dringlichkeit zu entschlossenem Handeln, also Umlenken, statt immer nur halbherzig zu lavieren.

Neues Denken notwendig

„Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will“, wusste auch Albert Einstein – das Zitat unterfüttert das Motto vom verlorenen Paradies.

Neben dem Physik-Nobelpreisträger (von 1921) führt Intendant Axel Vornam und sein Team gleich noch zwei Nobelpreisträger ins weite wüste Feld der Erkenntnisgewinnung: Von Gerhard Hauptmann, der den Literaturpreis 1912 erhielt, steht eine Neubearbeitung des Sozial-Dramas „Vor Sonnenaufgang“ (durch Ewald Palmetshofer) auf dem Programm, von Samuel Beckett, Literatur-Nobelpreisträger von 1969, das „Endspiel“.

„Wenn ein vernunftbegabtes Wesen auf den Planeten zurückkehrt und uns beobachtet, würde es sich dann nicht Gedanken über uns machen?“ – das lässt der Autor einen seiner Protagonisten fragen.

Das Stück aus dem Jahr 1956, als die Niederlage schmerzte (wo man doch den „Endsieg“ hatte feiern wollen), zeigt die Suche nach Auswegen im Kontext apokalyptischer Szenarien.

Ob Atom-Bombe, Klimakatastrophe oder Pandemie, das Überleben des Planeten und damit der Menschheit steht auf dem Spiel. Am Rande bisheriger Gewissheiten sind die Menschen im „Endspiel“, einem modernen Klassiker, zurückgeworfen auf sich selbst.

Eröffnet wird die Spielzeit im Großen Haus am 25. September mit dem Schauspiel „Der Fall der Götter“. Es ist eine Bühnenfassung von Luchino Viscontis Film „Die Verdammten“ (1969). Es geht um die Verflechtungen von Nationalsozialismus und Großindustrie. Andere Klassiker sind Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ (Premiere: 24. April 2021) und Heinrich von Kleists Schauspiel „Amphitryon“ (Premiere: 12. Juni 2021).

Programm für Kinder

Für Kinder steht im Großen Haus „Der Räuber Hotzenplotz“ (als Wintermärchen für die ganze Familie auf dem Spielplan; Premiere: 7. November 2020).

Akute Probleme werden in der Boxx für unterschiedliche Altersgruppen aufbereitet: Dreijährige aufwärts können mit dem kleinen Tiger und dem kleinen Bären das Glück suchen, frei nach Janosch „Komm, wir finden einen Schatz“ (Premiere: 27. September 2020).

Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Umweltverschmutzung werden auf der Bühne durchgespielt in Stücken wie „Die Zertrennlichen“ (Ab neun Jahren; Premiere: 18. Oktober 2020), „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ (Ab zehn Jahren; Premiere: 1. November 2020) und „Petty Einweg – Die fantastische Reise einer Flasche bis ans Ende der Welt“ (ab zwölf Jahren; Premiere: 23. Februar 2021).

Für Jugendliche ab 15 Jahren wird „Die schöne neue Welt“, der Roman von Aldous Huxley inszeniert eine zukünftige Gesellschaft, in der „Stabilität, Frieden und Freiheit“ herrschen sollen, verkehrt sich in ihr Gegenteil: einen totalitären Staat, quasi das Musterbeispiel einer Diktatur (Premiere: 5. Juni 2021).

Zum ersten Mal gibt es eine Kooperation von Schauspiel und experimenta: „Schwarze Schwäne“ von Christina Kettering ist das Siegerstück des ersten Dramenwettbewerbs Science and Theatre. Es wird am 23. Januar 2021 im Science Dome der experimenta uraufgeführt.

Anhand einer alltäglichen Situation, vor der viele Menschen stehen, nämlich die Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen, setzt sich dieses Stück in der Regie von Elias Perrig mit den Grenzen und Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auseinander.

Lustspiele

Im Komödienhaus erwartet das Publikum neben dem Gastspiel „Ich bin nicht Rappaport“ der Hamburger Kammerspiele (8. Oktober 2020) eine Reihe vielversprechender Lustspiele, darunter der Komödienhit „How to Date a Feminist“ in der Regie von Nils Brück (14. November 2020), die deutschsprachige Erstaufführung der erfolgreichen französischen Komödie „Weinprobe für Anfänger“ von Ivan Calbérac sowie „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells.

Der Klassiker der Science-Fiction-Literatur wird in einer Bearbeitung von Brian Bell und Andreas Frane für das Theater Heilbronn am 27. Februar 2021 uraufgeführt. Aus Schauspiel, Musik und Figurentheater wird ein sinnliches Theaterstück, in dem der Zeitreisende in einer Gesellschaft landet, in der die Menschen keine Probleme mehr kennen.

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