Kultur

Paul Celans Wortgewalt

Archivartikel

Er ist längst ein Klassiker. Paul Celan, 1920 in Czernowitz geboren und 1970 in Paris stillschweigend in die Seine gegangen, zählt zu den großen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Sein durch den Holocaust und die Erfahrung des freiwilligen Exils – seit 1948 lebte Celan in Paris – zutiefst geprägtes Werk gilt vielfach als hermetisch. Jetzt ist eine neue kommentierte, wohl als letztverbindlich anzusehende Gesamtausgabe der Gedichte Celans, 1262 Seiten stark, erschienen. Wichtig zu betonen, dass sie sich erheblich von der ersten kommentierten Ausgabe von 2003, deren Bestand um 58 Gedichte, darunter Erstdrucke, erweitert wurde, unterscheidet. Wichtig auch die Präzisierung unklarer Datierungen, bezog sich Celan doch zeitlebens auf „den 20. Jänner“ 1942, Datum der fatalen „Wannseekonferenz“ mit dem Beschluss zum planmäßigen Judenmord , der jedem seiner Texte programmatisch eingeschrieben sei. Der Kommentar will keine Interpretationen geben, sondern deren Fundament erst setzen – durch eine vollständige Aufarbeitung der Genese der je einzelnen Gedichte. So entsteht ein völlig neuer Zugang zu bekannt Geglaubtem. Der als schwierig diffamierte Autor kommt in seiner überraschend realistischen, dabei so radikalen wie poetisch erfinderischen Selbst- und Welterfahrung bis auf den letzten Buchstaben genau zu Wort. dss

Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Herausgegeben von Barbara Wiedemann. Mit 25 Radierungen. Suhrkamp Verlag. 1262 Seiten, 78 Euro.