Kultur

Klassik Der Italiener Ludovico Einaudi demonstriert in der Frankfurter Alten Oper, mit welchem Rezept er zu einem der populärsten Klavierkünstler der Welt wurde

Pianist so nah am Zeitgeist wie niemand

Archivartikel

Auf der Suche nach neuer Inspiration ist Ludovico Einaudi in den bayerischen Wäldern gelandet. Der italienische Pianist und Komponist wanderte tagelang in der Gegend um Garmisch-Partenkirchen – und hatte danach den Kopf übervoll mit frischen Ideen. „Seven Days Walking“ heißt das Projekt, sieben Alben in sieben Monaten veröffentlichte der Italiener in einem Jahr. Am Mittwochabend in der ausverkauften Alten Oper in Frankfurt präsentierte er es live – und von den 2500 Zuhörern saß nach zwei meistens eindrucksvollen Stunden niemand mehr.

Einaudi hat den Klassik-Betrieb einer neuen Zielgruppe geöffnet. Die ein bisschen schablonenhafte Schublade Neoklassik wurde eigens für ihn erfunden. Mit der Filmmusik zu „Ziemlich beste Freunde“ schaffte er den Durchbruch, mittlerweile wurden seine Stücke im Streamingdienst Spotify sagenhafte 15 Milliarden Mal abgespielt. Für sein Frankfurter Konzert kann der Turiner Ticketpreise von teils über 100 Euro aufrufen und muss trotzdem keine Sorge haben, dass Plätze leer bleiben könnten.

Seine kuschelige Klangtapete hat den 63-Jährigen zu einem der populärsten Pianisten der Welt gemacht, da kann selbst sein chinesischer Klavierkollege Lang Lang nicht mithalten. Auch, weil Einaudi keine Berührungsängste mit dem Zeitgeist hat: Der Schüler der Avantgardisten Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen spielte Klagelieder gegen den Klimawandel auf einer Eisscholle vor Spitzbergen und nahm mit „Winter Journey“ ein Musiktheater über das Drama der Flüchtlinge im Mittelmeer auf.

Das Konzert in Frankfurt beginnt leise, zurückhaltend. Der Spross einer der wichtigsten italienischen Künstler- und Politikerfamilien sitzt am Flügel und spielt vier Akkorde, mehr ist selten. Terzen, mal eine Quinte. Puristen mögen seinen zarten Stil ein wenig zu gefällig und als Anbiederung an den Mainstream empfinden, aber solche Kritik schert Einaudi nicht besonders. „Minimalist ist ein Ausdruck, der Eleganz und Offenheit bezeichnet, so dass ich lieber Minimalist genannt werden möchte als etwas anderes“, hat er einmal auf die Kritik geäußert.

Im zweiten Teil des Abends wird der Auftritt in der Alten Oper drängender, Violine und Violoncello türmen Einaudis melancholische Klaviermelodien stellenweise zu epischen Hymnen auf, das Titelstück aus „Ziemlich beste Freunde“ sorgt für den gefeierten Abschluss. Das Publikum steht komplett, Einaudi verneigt sich und fasst sich gerührt von so viel Zuneigung ans Herz.

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