Kultur

Pionier und Wegbereiter der inszenierten Fotografie

Archivartikel

Mit „Jeff Wall. Appearance“ widmet sich das Haus am Friedrichsplatz erstmals in einer großen Sonderausstellung einem international renommierten Fotografen – und schlägt damit auch einen Bogen zur europäischen Geschichte der Malerei.

Ein nackter junger Mann liegt auf einem grünen Boden neben zwei pinken Sesseln in einem gelben Raum. Die Szenerie wirkt alltäglich und skurril zugleich. Auf der dazugehörigen zweiten, etwas größeren Tafel wird das Farbspiel aus Gelb, Grün und Pink wieder aufgenommen. Hier ist es eine nackte junge Frau, die von ihrem Sofa aus dem Fenster schaut. Doch was sie sieht, erschließt sich dem Betrachter genauso wenig, wie die Zimmer hinter den beiden Räumen. Es sind die Details, denen man in Jeff Walls Arbeiten unwillkürlich nachspüren möchte und so in seine eigenwilligen Bildwelten taucht. Es sind Werke, die scheinbar alltägliche Begebenheiten oder Gegenstände beschreiben und die gleichzeitig ahnen lassen, dass hier etwas nicht stimmt. Denn Walls Arbeiten sind alle minuziös durchgeplant und bergen oft monatelange, sogar jahrelange Vorbereitungen in sich.

Mit der ersten großen Sonderausstellung „Jeff Wall. Appearance“ schlägt die Kunsthalle zur Eröffnung des neuen Hauses einen ambitionierten und richtungsweisenden Kurs ein. Die Gattung der Fotografie rückt dabei derart in den Vordergrund, wie es für das Haus bis dato nicht üblich war. Kunsthallendirektorin Ulrike Lorenz unterstreicht daher, dass die erste Ausstellung auch einen beispielhaften Charakter hat: Mit dem Kanadier Jeff Wall will sie einen besonderen Akzent setzen.

Zugleich will man jedoch auch an vergangene Tage anknüpfen, in denen die Kunsthalle nicht nur ein Raum für die Kunst war, sondern mit an der Kunstgeschichtsschreibung und den Diskursen der Kunstszene beteiligt war. Denn, wie Ulrike Lorenz resümiert, „die Kunsthalle hat sich von ihren Gründungstagen an als eines der wenigen deutschen Museen immer mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt“, wie etwa bei der legendären Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“ von 1925, die einer ganzen Stilrichtung ihren Namen gab.

Diesen Anspruch will man wieder aufgreifen. Gleichwohl wollte die Kunsthalle keine ganz junge Position, sondern jemanden, der sich international schon durchgesetzt hat und zugleich eine wichtige Pionierrolle in der Kunstgeschichte spielt. 2002, also sieben Jahr nach dem Mannheimer Robert Häusser, wurde Wall mit dem Hasselblad Award geadelt – so etwas wie der Nobelpreis für Fotografie. Er gilt seither als einer der bedeutendsten Vertreter der künstlerischen Fotografie. Seine großformatigen Werke prägten etwa die Düsseldorfer Schule um Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff.

Insbesondere mit seinen frühen Arbeiten aus den 1970er Jahren hat Wall die Gattung der Fotografie reformiert. Es waren seine großformatigen Leuchtkästen, die mit den damaligen Ausstellungsgewohnheiten brachen. Man wollte den Schatten der journalistischen und dokumentarischen Fotografie endgültig abschütteln und setzte ihr neue inhaltliche Akzente entgegen. Auch die farbige Darstellung war für den musealen Kontext ein Novum.

Es ging nun nicht mehr um eine bloße sachliche Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit. So etwa in der Arbeit „The Destroyed Room“ („Der zerstörte Raum“), die 1978 erstmals als Leuchtkasten im Schaufenster einer Galerie in Vancouver ausgestellt wurde und so an die Tafeln der Neonreklame erinnerte. Die Arbeit gibt den Blick in ein Zimmer frei, das aussieht, als hätte dort eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Eine aufgeschlitzte Matratze liegt quer in der Mitte, die Schubladen einer Kommode stehen offen und der Boden ist übersät mit Kleidungsstücken, Schuhen und Schmuck.

Was hat es mit dem Chaos im Bild auf sich? Und wer hat dieses Zimmer bewohnt? Es sind Fragen, die sich mit der Unwirklichkeit des Szenarios verbinden und die Grenze zwischen Zufall und Inszenierung sowie zwischen Reportage und Fiktion verflüssigen. Dabei unterliegt das Bild einer klaren kompositorischen Ordnung, die sich bis ins Detail am Gemälde „Der Tod des Sardanapal“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1827/28 orientiert.

Diese kunsthistorischen Bezüge sind typisch für Wall und in keiner Weise Selbstzweck. Sie folgen einer klaren Vorstellung davon, wie die Geschichte der Kunst auch erzählt werden kann. Denn für Wall lief die Kunst mit den Bewegungen der Avantgarde und der Postmoderne nicht auf ein Entwicklungsende zu. Darum beziehen sich seine Arbeiten häufig auf die Meisterwerke des 19. Jahrhunderts zurück, um an etwas anzuknüpfen, das lange als überwunden galt. So findet man in seinen Fotografien die gesamte Kunstgeschichte wieder: Tafelbilder und Schlachtenpanoramen, Stillleben und klassische Porträts.

Zu diesem Kreis von Arbeiten zählt auch das Frühwerk „Picture for Women“ von 1979, das in der Kunsthalle ausgestellt wird. Es zeigt die fotografische Selbstdarstellung des Künstlers als Ursprung seines eigenen Schaffens und lässt sich als eine Antwort auf Édouard Manets „Bar in den Folies-Bergère“ von 1882 lesen. Manet zeigte dort jenes berühmte Barmädchen, das aus dem Bild heraus schaut mit dem großen Spiegel hinter ihrer Gestalt, in welchem sich das Treiben des Nachtklubs und auch der Blick des Künstlers offenbaren. Wall nimmt das Thema des Spiegels auf und verschiebt den Blick des Mädchens an den Rand, um im Zentrum die Spiegelung der Kamera während des Auslösevorgangs zu inszenieren. Es gilt darum auch als Walls Schlüsselwerk und unterstreicht seine Bedeutung als Wegbereiter der „Inszenierten Fotografie“.

„Wir setzen auf Bilder aus der jüngeren Schaffenszeit und zeigen neben Leuchtkästen und Schwarz-Weiß-Fotos erstmals eine bisher einmalige Gruppierung von Farbabzügen“, erläutert Kurator Sebastian Baden, der die Ausstellung mit Christophe Gallois und Clément Minighetti vom Luxemburger Musée d’Art Moderne Gran-Duc Jean (Mudam) konzipiert hat. In der Werkschau der Kunsthalle kommt zudem die Mehrdeutigkeit des Begriffs „Erscheinung“ mit dem vom Künstler gewählten Ausstellungstitel „Appearance“ zum Ausdruck. Damit verfolgt Jeff Wall eine dem fotografischen Bild technisch und metaphorisch zugeschriebene Eigenschaft.

Darüber hinaus spielt der Titel auf die Frage nach der Wirklichkeit im Bild und ihrer Inszenierung an. Aus dem Atelier des Künstlers und von internationalen Leihgebern wurden über dreißig Werke aus verschiedenen Schaffensperioden ausgewählt. Jüngere Fotografien werden zusammen mit frühen Schlüsselwerken in thematischen Kontexten präsentiert und schaffen so einen neuen Blick auf das Werk des 71-jährigen Künstlers.

Der Großteil der ausgestellten Werke stammt aus den vergangenen zwanzig Jahren. Unter den Exponaten befinden sich auch die bedeutenden Arbeiten „A View from an Apartment“ („Der Blick aus einem Appartment“) von 2004/2005, welche eine alltägliche Situation in einer Wohnung zum Thema hat, wie auch das rätselhafte Bild „Invisible Man“ („Unsichtbarer Mann“) von 1999 bis 2002, das einen kauernden Mann inmitten einer unwirklichen Ansammlung von Glühbirnen zeigt und die Gartenszene „Tattoos and Shadows“ („Tattoos und Schatten“) von 2000, das wie eine Fortsetzung von Manets „Das Frühstück im Grünen“ wirkt.

Immer wieder tauchen die Bezüge zu den Meisterwerken der Kunstgeschichte auf, mit denen Wall jedoch nicht nur Brücken über die Gattungen schlägt, sondern auch ihre herkömmliche Erzählweise in Frage stellt. So auch in der Arbeit „Summer Afternoons“ („Sommernachmittage“) von 2013, in der er in beiden Tafeln auf die Entwicklungsgeschichte der monochromen Malerei anspielt, indem er inmitten einer banal anmutenden Wohnsituation monochrome Bilder wie beiläufige Dekorationsstücke in seine eigene Geschichte der Kunst rückt.

Wall hat selbst keinen klassischen Ausbildungsweg eines Künstlers durchlaufen, sondern ist von Haus aus Kunsthistoriker. Aus genau diesem Grund ist er so interessant für den Auftakt der neuen Kunsthalle. Seine Arbeiten erscheinen wie eine Fortsetzung der gegenständlichen und figurativen Malerei und stellen vielleicht sogar die einzige mögliche Form dar, diese weiterzuführen. Jeff Walls Beitrag für die Geschichte der Fotografie kann daher nicht genug gewürdigt werden: Fotografie als Kunst bedeutet für seine Werke daher vor allem, dass sie als Kunst verstanden und gelesen werden will. Es sind Bilder, die für die Wand und den Betrachter im Museum gemacht sind, unterstreichen sie doch immer wieder vehement ihren Anspruch, Kunst zu sein.

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