Kultur

Plädoyer für Freiheit

Archivartikel

Natürlich kam ich mit Ludwig van Beethoven im Laufe meiner vielen Theaterjahre immer wieder in Berührung. Aber ein sehr persönliches Erlebnis verbinde ich mit seiner „Leonoren-Ouvertüre“ (Nr. 3). Als Intendant des Theaters Osnabrück durfte ich das Osnabrücker Symphonie Orchester unter der Leitung seines damaligen Generalmusikdirektors Hermann Bäumer auf eine Konzertreise in den Iran begleiten. Sie fand um Rahmen des Morgenland-Festivals Osnabrück statt, in der Zeit der Präsidentschaft Mahmuds Ahmadineschads.

Mit der „Islamischen Revolution“ 1979 war der öffentliche Musikbetrieb dort nahezu zum Erliegen gekommen. Konzerte mit einem internationalen Gastorchester waren auch 2007 eine Sensation und entsprechend gut besucht – von einem musikalisch ausgehungerten Publikum wie von „offiziell“ geladenen Gästen, darunter Vertreter der Regierung. Im Konzert in Teheran erklang unter anderem die „Leonore“, vom Orchester ganz bewusst, mit klarer Botschaft verbunden, aufs Programm gesetzt.

Deutlicher kann man die Forderung nach Freiheit und Menschenwürde nicht formulieren. Beethovens Sprache ist universell und unmissverständlich. Das wurde an diesem Abend in Teheran auf berührende Weise spürbar. Nachdem der letzte Ton verklungen war, riss es das Publikum, heftig applaudierend, von den Plätzen, so dass selbst die „Offiziellen“ gezwungen waren, sich ebenfalls zu erheben.

In den Vor-Corona-Tagen, da überall die Feierlichkeiten zu Beethovens 250. Geburtstag begannen, wir am Theater Heidelberg einen halbszenischen „Fidelio“ vorbereiteten und gleichzeitig weltweit politische Krisen und Unmenschlichkeit herrschten, nicht zuletzt in Iran, dachte ich häufiger an das Konzert in Teheran.

Holger Schultze, 1961 in Berlin geboren, ist Regisseur und amtierender Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg. Er ist Mitglied des Vorstandes der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, wo er auch dem Künstlerischen Ausschusses vorsitzt.

Zum Thema