Kultur

Heidelberger Stückemarkt Sex oder nicht Sex war bei zwei Gastspielen die große Frage

Porno-Frauen und enthaltsame Männer

Archivartikel

Der Andrang nach Karten war groß, denn Henrike Iglesias versprach im Zwinger 3 beim Heidelberger Stückemarkt einen „queerfeministischen Live-Porno“ mit dem verheißungsvollen Titel „Oh my“, bei dem sich mehrere Spielerinnen in einer Koproduktion des Schweizer Theaters Roxy Birsfelden, der Münchner Kammerspiele und des Düsseldorfer FFT (Forum Freies Theater ) tummeln. Das Gute vorab: Voyeure oder gar Spanner kamen nicht auf ihre Kosten, weil das gute Dutzend an Szenen, angelegt wie die Produktion von Videos, eher im Bemühten verharrte, als dass sich ein schlüssiges Konzept erschließen wollte.

Harmlose Umsetzung in „Oh my“

„Frei ab 18“ war wohl eher witzig gemeint angesichts dessen, was tagtäglich übers Internet rieselt. Die Macherinnen um Henrike Iglesias wollten also ergründen, warum „in unserer hochsexualisierten Welt vor allem die weibliche Sexualität immer noch so stark von Schuld, Scham und Schweigen“ geprägt sei. Also experimentierten sie über „alternative, fantastische Bilder fürs eigene Begehren“ mit (vorgeblicher) Pornografie als ermächtigende „Empowerment-Strategie“. „Oh my god“, kann man da nur den Titel des Stücks vervollständigen zu „Oh, mein Gott“ – welch’ ein Anspruch und was für eine durchaus liebenswerte, aber harmlose Umsetzung.

Eher züchtig als unzüchtig, mehr Wille als Vorstellung, ein bisschen Verkleidung, vielleicht auch Fetisch – das war’s dann. Aber vielleicht sind auch diese Powerfrauen noch nicht so frei, um ihre künstlerischen Ideen als Performance der bösen Männerwelt knallhart um die Augen und Ohren zu schlagen. „Kunst kommt von Können, käme es vom Wollen hieße es Wulst“, heißt es in einem Nietzsche zugeschriebenen Aphorismus.

„No Sex“ als Identitätssuche

Wesentlich artifizieller ging es anschließend im Marguerre-Saal zu, als die Münchner Kammerspiele mit ihrem Stück „No Sex“ in der Inszenierung von Toshiki Okada über die Frage grübelten, warum in Japan Sex nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Kulturphänomen? Erschöpfung nach stressigem Arbeitsalltag? Oder wäre virtuelle Ersatzbefriedigung gar weniger verpflichtend?Wie dem auch sei, in einer Karaoke-Bar begeben sich vier Männer mit ihren Lieblingsschlagern auf die Suche nach der eigenen Identität. Vor den Augen des anfangs eher irritierten Barbesitzers (Stefan Merki) geben Christian Löber, Thomas Hauser, Benjamin Radjaipour und Franz Rogowski ihre Körper frei in oft skurrilen Bewegungsmustern, um danach absurd anmutend zu philosophieren – über ein Leben ohne reale Intimität. Sie sind irgendwie zarte Pflänzchen und hören deshalb auf Blumen-Namen. Dabei ist die Stück-Entwicklung wirklich faszinierend, zumal noch ein sehr weiblicher Kontrapunkt, Annette Paulmann als Frau Nakamura, den Jung-Männern die Verschrobenheit ihrer „No Sex“-Ideologie vor Augen führt.

Die Bühne hat Dominic Huber angerichtet mit Bartresen, kleiner Treppe zum Auf und Ab in leicht schummriger Ausleuchtung, und die Inszenierung des japanischen Regisseurs Toshiki Okada besticht durch die Variabilität der Bewegungsabläufe einschließlich assoziativer Kostümierung, die ein raffiniertes Muster westöstlicher Begegnung imaginieren. Okadas dritte Zusammenarbeit mit den Kammerspielen hinterließ beim Stückemarkt einen starken Eindruck.