Kultur

Erstes Tanzmusical Freilichtspiele Schwäbisch Hall präsentieren „Saturday Night Fever“

Premiere mit großem Erfolg gefeiert

Archivartikel

Die 53 in Kreissegmentform angelegten, steil zum romanischen Turm der gotischen Hallenkirche St. Michael ansteigenden Stufen sind eine imposante, einmalige Theaterbühne, die als solche seit 1925 genutzt wird. Zum ersten Mal in der Geschichte der Freilichtspiele Schwäbisch Hall steht in diesem Jahr ein Tanzmusical auf dem Programm – und das mit großem Erfolg.

Die besonderen Herausforderungen, die in diesem Fall die ungewöhnliche Bühne an die Mitwirkenden stellt, werden von diesen mit Bravour gemeistert. Dass dabei von dem Ausstatter Walter Schütze auf die unteren Stufen ein breites und auf die Treppe mehrere kleinere und größere Podeste gebaut werden müssen, versteht sich eigentlich von selbst.

Doch die passen sich ein, und es wird nicht nur auf ihnen, sondern auch auf der Treppe selbst getanzt. Dass das alles funktioniert, die Tänzer durcheinanderwirbeln, in schnellstem Tempo vom einen zum anderen Podest wechseln, sich zu den sozusagen großen Musicaltanznummern rechtzeitig auf dem breiten Podest einfinden und nicht nur dort Erstaunliches zeigen, das in seiner Art und Qualität jedem auf Musicals spezialisierten, festen Haus zur Ehre gereicht, das ist das Verdienst des als Regisseur ebenso wie als Choreograf einfallsreichen, auf Präzision und Ausdruck gleichermaßen Wert legenden Christopher Tölle.

Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang aber auch das auf Kirchenportalhöhe auf der rechten Seite platzierte, zwölfköpfige Festspielorchester, das unter der ebenso einfühlsamen wie ausdruckstarken musikalischen Gesamtleitung des Keyboarders Heiko Lippmann für den richtigen, zu dieser Produktion passenden Sound sorgt.

Auf dem Programm steht „Saturday Night Fever“, das 1998 in London uraufgeführte Musical von Robert Stigwood und Bill Oakes, in der neuen Version von Ryan McBryde, mit der Musik von „The Bee Gees“. Gesungen wird in Englisch, die deutschen Dialoge stammen von Anja Hauptmann. Das Musical fußt auf dem gleichnamigen Tanzfilm von 1977.

Traum von besserem Leben

Ort und Zeit der Handlung sind in New York City Brooklyn und Manhattan im Jahr 1976. In Brooklyn ist der in einer kleinbürgerlichen, katholischen Familie aufgewachsene 19-jährige Italo-Amerikaner Tony Manero in einem Farbenladen beschäftigt. Er träumt von Manhattan und einem besseren Leben an der Seite eines schönen Mädchens.

Einstweilen heißt es aber noch: „Samstagnacht ist meine Zukunft“, wie er einmal sagt. Und so verbringt er diese Nächte in der Disco „2001 Odyssey“, wo er der King im Kreis seiner Freunde ist. Dort willigt er ein, mit Annette, die in ihn verliebt ist, am Universal Disco Dance-Wettbewerb teilzunehmen, begegnet aber am selben Abend Stephanie Mangano, verliebt sich in sie und will nun mit ihr an dem Wettbewerb teilnehmen. Die hat es, wenn auch mit zweifelhaftem Einsatz, schon nach Manhattan geschafft und lässt ihn zunächst abblitzen.

Doch schließlich werden sie doch noch ein Tanzpaar und gewinnen den Wettbewerb. Aber was bringt die Zukunft: Wollen sie wirklich nur gute Freunde bleiben, was Stephanie vorschlägt und wie es zum Schluss heißt?

Neben dieser, vom Tanz dominierten Seite der Geschichte, gibt es aber noch eine andere. Da erfährt man, dass Tonys Vater arbeitslos ist, dass sein Bruder Frank, der nach Mutters Wunsch Priester geworden ist, seinen Beruf, zu dem er sich nicht berufen fühlt, aufgeben will, dass Tony der unbefriedigten Annette die Frage stellt, ob sie ein nettes Mädchen oder eine Schlampe sein will, dass einer seiner Freunde verzweifelt ist, weil seine Freundin von ihm schwanger ist und später von einer Brücke zu Tode stürzt. Das ist sozusagen die sozialkritische, nicht nur der Unterhaltung dienende, sondern auch zum Nachdenken anregende Seite dieses Musicals.

Gezeigt wird, auch hinsichtlich der Kostümierung der Darsteller, eine im Grund zeitlose Geschichte, in der die Songs und Tanznummern gut integriert sind und der dramatisch, zuweilen aber auch gefühlvoll klingenden Musik eine gewisse Tiefe nicht abzusprechen ist.

Sowohl stimmlich als auch spielerisch und tänzerisch wird Roy Goldenen seiner Aufgabe als Tony Manero in jeder Beziehung vollauf gerecht. In Maja Sikora als Stephanie Mangano hat er eine in allem ebenbürtige Partnerin mit großer Ausstrahlung.

Aus dem hervorragend besetzten Ensemble ragen noch Dorothea Maria Müller als Annette sowie Dominique Brooks-Daw und Jev Davis als mit geradezu artistischen Tänzen aufwertendes Paar Maria und Cesar heraus, nicht zu vergessen, David-Michael Johnson als Allround-Talent Monty. Dieter Schnabel