Kultur

Auszeichnung Lukas Bärfuss, Autor der Mannheimer Uraufführung „Der Elefantengeist“, erhält den Georg-Büchner-Preis

Prüfender Blick auf den Rand

Am 2. November – während ihrer Herbsttagung – wird dem Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt der renommierte Georg-Büchner-Preis verliehen. Was die Akademie am Dienstag bekannt gab, dürfte nicht nur dort und in Zürich, also am Wohnort des Autors, für Freude sorgen, sondern auch am 50 Kilometer von Darmstadt entfernten Nationaltheater Mannheim.

Dort eröffnete Schauspielintendant Christian Holtzhauer im September 2018 seine erste Spielzeit mit der immer noch aktuellsten Theaterarbeit des nun hochdekorierten Dramatikers. Freuen wird man sich auch deshalb über die Auszeichnung, weil „Der Elefantengeist“, dessen Uraufführung Regisseurin Sandra Strunz im NTM-Schauspielhaus inszenierte, seinerzeit beim Publikum und in den Feuilletons nicht unumstritten war.

Aufregung um Helmut-Kohl-Drama

Gut ein Jahr nach dem Tod von Altkanzler Helmut Kohl in Oggersheim stießen Bärfuss und Strunz den Rekord- und Wiedervereinigungskanzler im benachbarten Mannheim krachend vom Denkmalsockel – mit viel Slapstick und teils kruden Thesen. Das gefiel nicht jedem. Die schrille Politgroteske lobten die einen als erfrischend respektlose „poetische Polemik“, andere fanden den Theaterabend „peinlich, plump und selbstgerecht, taktlos, maßlos und formlos“.

Wie dem auch sei, den mit 50 000 Euro dotierten und als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland geltenden Büchner-Preis erhält Lukas Bärfuss nicht nur für den „Elefantengeist“, sondern die Akademie zeichnet „einen herausragenden Erzähler und Dramatiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus“, wie es in der Begründung der Jury heißt.

„Mit hoher Stilsicherheit und formalem Variationsreichtum erkunden seine Dramen und Romane stets neu und anders existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens“, loben die Juroren weiter. Es seien Qualitäten, die zugleich Bärfuss’ Essays prägen, in denen er die heutige Welt mit furchtlos prüfendem, verwundertem und anerkennendem Blick begleite.

Das ist eine Einschätzung, die nun unstrittig auf sein Oeuvre zutrifft, auch auf seine Romane „Hundert Tage“ über den Völkermord in Ruanda und „Koala“ über den Selbstmord seines Bruders.

Als Dramatiker bekannt wurde Bärfuss in den Nullerjahren mit Aufführungen an Bühnen in Zürich, Bern und Basel. Von dort trat sein Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ in der Regie von Barbara Frey 2003 einen wahren Siegeszug durch die deutschsprachige Theaterlandschaft an, was ihm den Titel „Nachwuchsautor des Jahres“ der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ einbrachte. Mit „Der Bus. Das Zeug einer Heiligen“, uraufgeführt am Hamburger Thalia Theater von Stephan Kimmig, etablierte sich Bärfuss wenig später endgültig in der oberen Dichterliga und wurde 2005 mit dem Dramatikerpreis der Mülheimer Theatertage ausgezeichnet.

Mit „20 000 Seiten“ widmete sich der 1971 in Thun geborene Literat theatralisch einem wissenschaftlichen Bericht über das Verhalten der Schweiz in der Nazi-Zeit, der 2002 schwer am neutralen Selbstverständnis der Helvetier gekratzt hatte.

Wert der Erinnerung

Auch hier ging es dem gelernten Buchhändler Bärfuss um den Wert der Erinnerung, um deren Notwendigkeit und Schmerzhaftigkeit. Die deutsche Erstaufführung übernahm 2012 übrigens Mannheims damaliger Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski, wenn auch nicht am Nationaltheater, sondern in den Kammerspielen des Staatsschauspiels Dresden. Die Auslotung der Grenzbereiche zur Besessenheit und zerfleischenden Selbstaufgabe sind von Anfang an die Stärke seiner Werke. Dass er damit gelegentlich, etwa beim umstrittenen „Elefantengeist“, über die Stränge schlägt, ist daher wenig verwunderlich.

Und auch wenn die Auszeichnung mit dem höchsten deutschen Literaturpreis verständlicherweise den Literaturbetrieb verwundern mag: Die Kriterien der Akademie erfüllt sein Schaffen allemal. Müssen die Preisträger doch „durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten“ und „an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“. Nicht zuletzt die Beachtung seiner Bücher und vor allem seiner neuen Stücke beweisen es.