Kultur

Literatur Joachim Zelter legt mit „Im Feld“ einen lesenswerten Roman über das Psychogramm eines Sportlers vor

Radfahrer überwindet den inneren Schweinehund

Offensichtlich hält der auf der Tour de France 1997 von Udo Bölts seinem Teamkapitän Jan Ulrich zugerufene Satz „Quäl dich, du Sau!“ zu Recht seinen Spitzenplatz im kollektiven Gedächtnis für markige Sprüche. Auch in Joachim Zelters neuem Roman will die Reihe der zu fahrenden Strapazen kein Ende nehmen.

Wenngleich nicht auf der legendären Tour, sondern bei einer recht harmlos in Freiburg beim Heidegger-Denkmal beginnenden Ausfahrt eines örtlichen Radvereins.

Plötzlich ist er da, der lang Erwartete, der legendäre „Führer“, „aus dem Nichts“ – und die Geschichte aus Sicht des Ich-Erzählers Frank Staiger nimmt rasant Fahrt auf, steigert sich in einem Staccato kurzer Sätze auf 150 Seiten zu einem irrwitzigen, absurden Höllentrip. Diese radfahrenden Körper, in denen ein unablässig reflektierendes Denken eingesperrt und der Bewusstseinsstrom einem Wust großer Ideen nachzujagen scheint, geraten immer mehr zu „Qualbildern“ unter der strengen Führung und Kontrolle eines „Randonneurs“, eines leidenschaftlichen „Langstreckenfahrers“ mit fast übermenschlichem „Aushaltevermögen (...) an Distanz, Kälte, Schmerz und Entbehrung“.

Quälerei als Thema

Das Überwinden des inneren Schweinehundes ist maßlos: Kilometer, „Steigungsgrade“, „Höhen- und Verzweiflungsmeter“; noch ein Pass, noch eine Abfahrt in der Spiralbewegung des psychischen und physischen Horrors. Es gibt Widerspruch, Disziplinierungsmaßnahmen, „vermisste Fahrer“ – nichts fehlt in dieser kammerspielartig konzentrierten Experimentalanordnung menschlicher Selbstkasteiung „in einer einzigen, allumfassenden, nach vorne strebenden Bewegung“. Und doch lässt sich in Zelters Roman mehr lesen als nur die dokumentarische Leidensbeschreibung einer „mittleren“ Radsportgruppe, einer „Rennradgemeinschaft“, in die der Erzähler Staiger scheinbar mehr oder weniger zufällig hineingeraten ist, von deren „Rhythmus“ erfasst, er aber nicht mehr losgelassen wird.

Alles ergibt „Radsportsinn“

Der Autor zeichnet das Psychogramm eines ratlos auf seine gescheiterte Berufsbiografie blickenden Radsüchtigen aus dem akademischen Prekariat, den allein die „Möglichkeiten über Möglichkeiten, von denen Flachländler nicht einmal zu träumen wagen“, euphorisieren. Der allein dieser „treibenden Worte“ wie „Hochschwarzwald“ wegen mit seiner Frau Susan von Göttingen nach Freiburg gezogen war.

Hier hängen die Rennräder „wohlgeordnet und bedacht“ an der Kellerdecke „in einem Zustand ständiger Bereitschaft“, hier im Angesicht der nahen Berge „ergab all das nur einen Radsportsinn“. Je größer die Besessenheit desto größer die Entfremdung zu seiner Frau und einem bürgerlichen Leben „der Daheimgebliebenen, der Sofa- und Wohnzimmerexistenzen“ schlechthin. Tiefer eingelagert finden sich Begriffe des politisch-philosophischen Denkens und religiösen Fühlens. Mit enormer Sogwirkung schreibt Zelter – selbst ambitionierter Radsportler – eine um existenzielle Befindlichkeiten verdichtete Parabel. Aus der Innensicht eines Leidenden beleuchtet er das ambivalente Wechselspiel von Herrschaft und Unterwerfung. Zelters Kritik einer sinnentleerten Moderne zeichnet eine Zuspitzung des neoliberalen, vitalistischen Bildes vom Menschen als Hochleistungsmaschine.