Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Das Choreografen-Duo Dominique Dumais und Kevin O‘Day lotet in „Ludwigs Leidenschaften“ Beethovens Musik aus

Rasante Höhenflüge und viel Inspiration

„Ludwigs Leidenschaften“ ist für das Choreografen-Duo Dominique Dumais und Kevin O‘Day der Titel des Ballettabends mit dem neuen zwölfköpfigen Tanzensemble im Mainfranken Theater Würzburg. Es ist ein dreiteiliger Abend mit Kompositionen Beethovens, ergänzt durch das zeitgenössische Werk „Quasi una fantasia“ von Henryk Górecki, aus dem der vierte Satz der Streichorchesterfassung erklingt.

Dynamisch und dramatisch

Spektakulär beginnt die Ballett-Uraufführung mit dem Wegräumen einer wuchtigen Mauer zu Ludwig van Beethovens Ouvertüre in f-Moll zu „Egmont“ Op. 84. Tänzerisch in Szene gesetzt wird in diesen acht bis neun Minuten die Dynamik und Dramatik mitreißender musikalischer Themen, die Beethoven ab 1809 zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ komponierte und damit in musikalisch verdichteter Form den Widerstand des flämischen Grafen Egmont gegenüber der übermächtigen spanischen Besatzungsmacht thematisierte.

Marie Jacquot lässt mit dem Philharmonischen Orchester den düsteren Trauermarsch der Unterdrückten, das leidenschaftlich-unruhige Allegro und die heroisch verklärten Liebesbekundungen mit hohen Bläserklängen bis zum jubelnden Finale kraftvoll und mitreißend aus dem Orchestergraben erklingen. Die choreografische Umsetzung taucht das Ensemble mit vielen spontanen Eingebungen in den Klangkosmos von Beethoven ein. Im Vordergrund steht bei Dominique Dumais und Kevin O´Day die von der Musik inspirierte Lust an der freien, immer dynamischen Bewegung, die ganz konträr zum Spitzentanz mit individueller Ausdruckskraft der Schwerkraft trotzt.

Ist die Schaffung neuer Aktionsräume durch die Verschiebung alter Grenzen und einengender Mauern noch eine Ensemble-Leistung, steht die Individualität der Tänzerinnen und Tänzer, die scheinbar bewusst nicht nach ähnlichem Bewegungsrepertoire oder Körperstatur ausgewählt wurden, bei Góreckis kratzbürstigem vierten Satz im Fokus. Nachhaltig unterstreichen die Lichtgebung und die höchst eigenwillige, typgerechte Bekleidung (Jürgen Kirner), für deren Beschreibung das Wort „Kostüme“ deplatziert wirkt, die schöpferische Umsetzung der Klänge in Bewegung.

An Beethovens ausgeprägte Leidenschaft zum zwanglosen Improvisieren erinnert Pianist Lukas Großmann (im Wechsel mit Valentin Findling) mit Improvisationen („Falling a/part“) über die „Mondscheinsonate“; Beethoven bezeichnete sie als „Sonata quasi una Fantasia“, deren ersten Satz in einer Gartenlaube komponiert worden sein soll.

Wellenförmiges Auf und Ab

Tatsächlich hat diese Sonate die freie Fantasie unzähliger Pianisten angeregt; Großmann reichert die Harmonien mit Jazz-Elementen und einem swingenden Sound an, wobei das Tanzensemble wie im wellenförmigen Auf und Ab des Meeres eher schwermütige Anmutungen evoziert. Vielleicht hatte Beethoven - es gibt noch andere Lesarten - seine enttäuschte Liebe zur Gräfin Julie Guicciardi, der die Sonate gewidmet ist, im Sinn. Ein Schleier der Melancholie wurde dem Äußeren der Beethoven-Schülerin attestiert. In diesen Anklängen von Selbstmitleid schwelgen Pianist und das Tanzensemble so intensiv und ausdauernd, dass ein Spannungsabfall unvermeidlich erscheint.

Die Choreografin Dumais stellt in ihrem Stück für sieben Tänzerinnen und Tänzer die Grundidee des Fallens und des Sich-Wieder-Aufrichtens in den Mittelpunkt; eingeflochten werden dabei improvisierte Bewegungsabfolgen, die insoweit jede Aufführung zur Premiere werden lassen.

Eine Neubearbeitung der Mannheimer Produktion von 2009 ist Kevin O’Days „Landscape No. 5“ zu Beethovens Sinfonie Nr.5. Geschmeidig spüren die Tänzerinnen und Tänzer den großen Gefühlen des Menschen nach, der dem Schicksal trotzig die Stirn bietet.

Blutender Held

Immer wieder müssen sie auf schwankendem Boden Halt in der Gruppe oder als Individuum finden. Zum Schicksalsmotiv öffnet sich der Blick auf eine hoch über dem Menschengewimmel thronende Göttin, deren Pfeile den blutenden Helden nicht daran zu hindern vermag, der Herrscherin mit ihrer Schleppe im Finale die Macht zu entreißen. Kein „roter Faden“ im übertragenen Sinne, sondern ein großes rotes Tuch durchzieht als verbindendes Element alle Stücke.

Während es im ersten Teil das Leben mit sich reißt, wird das Tuch im zweiten Stück zum Bühnenhintergrund, um dann in „Landscape no.5“ als Untergrund mit Mauerstücken den Boden für Erneuerung und Fortschritt zu bereiten; irgendwie wirkt es wie ein optimistisches Statement für den ungeschmälerten Fortgang des Theaterbetriebs mitten in einer Baustelle. Nicht beirren lässt sich auch das gesamte Tanzensemble, das zu Crossover-Klängen von Christina Bernard (Saxofon) und Kevin Sauer (Akkordeon) schon vor Vorstellungsbeginn mit großem Geschick improvisierend das faszinierte Premierenpublikum elegant umtanzt. Es wirkt wie ein freudiges Ausrufezeichen für den geplanten Ballett-Probensaal. Stark und lang anhaltend war der Beifall des Premierenpublikums für einen vielfältig anregenden Ballettabend.