Kultur

Kunst Das Frankfurter Städel zeigt die große Schau „Tizian und die Renaissance in Venedig“

Rauschendes Fest der Malerei

Wiesen, Wälder, Berge und ein Kirchturm in der Ferne, ein Schafhirte mit seiner Herde in der Nähe – und mitten in dieser paradiesischen Landschaft ruht Maria mit dem Jesuskind. Ein ungewöhnliches Heiligenbild, denn der Natur wurde lange, wenn überhaupt, nur ein schmaler Streifen am Horizont eingeräumt. Doch Tizian setzte um 1530 frech seine Madonna zum Picknick ins Grüne, zu ihren Füßen sogar ein weißes Kaninchen. Das Bild ist auch voller Bewegung, denn die heilige Katharina reicht just das Kind an Maria zurück. Nur 30 Jahre früher wäre solch ein Gemälde nicht möglich gewesen, noch bei Tizians Lehrer Giovanni Bellini. Der malte ein starres Marienbild, aber mit beziehungsreichen Blicken und Gesten.

Blütezeit des 16. Jahrhunderts

Tizian hingegen malt detailliert die Landschaft, eine Szene mit natürlicher, fast familiärer Atmosphäre. Diese lebendige Art der Darstellung ist typisch für die Kunst im Venedig des 16. Jahrhunderts – und Tizian ihr Anführer für fast 70 Jahre, von 1510 bis zum Tod 1576. Damals zählte Venedig zu den zehn größten Metropolen der Welt, bei rund 200 000 Bewohnern. In der reichen Handelsstadt kamen Einflüsse aus aller Welt zusammen. So war das 16. Jahrhundert eine Blütezeit von Literatur, Musik und Kunst, auch wenn die venezianische Macht schon bröckelte. Dafür war die Kunst umso innovativer. Dieser Epoche widmet jetzt das Frankfurter Städel die Schau „Tizian und die Renaissance in Venedig“ mit mehr als 100 Gemälden und Zeichnungen, darunter 20 Tizian-Werke.

Was für ein schwieriges Unternehmen das ist, wird an der Zahl von 60 Leihgebern deutlich, davon drei Privatsammler. Das bedeutet lange Überzeugungsarbeit, denn Museen leihen Werke alter Meister ungern aus. Nun werden die Venezianer erstmals umfassend in Deutschland präsentiert – erstaunlich, denn die italienische Kunst ist bei uns sehr populär. Doch den großen Gegenspielern in Florenz um Raffael und Michelangelo galt bisher mehr Aufmerksamkeit. Erst vor drei Jahren stellte das Städel den unterschätzen Florentiner Manierismus vor.

Dabei kann Venedig mit einem ganz eigenen Beitrag punkten, mit teils leuchtenden, teils auch düsteren Farben, aber immer mit fein austarierten Kontrasten. Städel-Chef Philipp Demandt lobt diese „eigenständige Spielart der Renaissance, die nur auf malerische Mittel und die Wirkung von Licht und Farbe setzte“. Damals aber war das den Florentinern suspekt, sie schauten zuerst auf die stimmigen Proportionen und Linien. Doch Tizian und Tintoretto, Paolo Veronese und Jacopo Palma il Vecchio, die zu den vier wichtigsten Venezianern zählten, übernahmen einiges aus Florenz, etwa die Vorliebe für die antikische Figur.

Ohnehin entpuppt sich der Rundgang durch die zwei Etagen der Städel-Halle als rauschendes Fest der Malerei, unterstrichen von violetten Wänden und klassischen Arkadenbögen. Dabei geht es neben den Madonnen auch um idyllische Landschaften, um schöne Frauen und honorable Männer. Wieder setzte Tizian schon in jungen Jahren Maßstäbe, etwa mit seinem „Noli me tangere“-Bild von 1514, als Jesus nach der Auferstehung Maria Magdalena davon abhält, ihn zu umarmen. Tizian betont die Dramatik durch Magdalenas weiße Bluse und ihr dunkelrotes Kleid. Denn die Bluse wird im Übergang zum Kleid von feinem Rot durchzogen, als sei sie verfärbt oder vom Blut Jesu getränkt – das kann nur ein Virtuose malen. Noch heute gilt Tizian als Farbmystiker sondergleichen, als Poet mit dem Pinsel.

Die Frauenporträts jedoch waren nicht wirklichkeitsgetreu, sondern Idealbildnisse der weiblichen Schönheit, denn bisher hat sich kein Bild klar zuordnen lassen. Sebastiano del Piombos „Dame in Blau mit Parfümbrenner“ von 1510/11 etwa hat ein rundliches Gesicht, volle Lippen, dunkelblonde Haare und einen geheimnisvollen Blick. Sie wirkt sehr tugendhaft, denn oft sind die Porträts der „Belle Donne“, der „schönen Frauen“, geradezu erotisch aufgeladen mit betörenden Blicken, vielversprechenden Gesten und offenherzigen Dekolletés. Wirklichkeitsnaher sind die Männerporträts, entweder als lässig-elegante junge Herren in schlichtes Schwarz gehüllt oder als würdevolle Herrscher in kostbare Gewänder gekleidet.