Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Die Oper „Nixon in China“ von John Adams spielt mit den Gründungsmythen zweier Weltmächte

Realität und Fiktion verschmelzen unmerklich

Archivartikel

In Zeiten, in denen der Geist des Kalten Krieges wieder erwacht ist, besitzt die zeitgenössische Oper „Nixon in China“ von John Adams, die derzeit im Mainfrankentheater Würzburg auf dem Spielplan steht, höchste Aktualität. Leider findet die bemerkenswerte Würzburger Inszenierung dieser Oper, die 1987 in Houston, Texas uraufgeführt wurde, (noch) nicht das Interesse des breiten Publikums; die zweite Aufführung war äußerst schwach besucht; die Mitwirkenden wurden dafür nach dreieinviertel Stunden umso enthusiastischer bejubelt.

Während bei der Uraufführung das inzwischen verstorbene Ehepaar Nixon und Henry Kissinger sich als Opernfiguren hätten bewundern können – Maos Witwe saß schon seit 1976 im Gefängnis –, hätte am 27. Mai, dem Tag der zweiten Würzburger Opernaufführung, nur der damalige Nationale Sicherheitsberater Kissinger exakt an seinem 95. Geburtstag die Aufführung in Würzburg besuchen können.

Doch dessen Interesse an dem Werk dürfte sich in Grenzen halten, kommt der in Fürth geborene Franke, der ein Jahr nach dem China-Besuch Nixons Außenminister wurde, in der Oper als zynischer Frauenverächter und Sadist nicht besonders gut weg. Lassen sich die ersten vier Szenen aus den Zeiten der schärfsten Ost-West-Konfrontation noch dokumentarisch belegen, verlässt die Opernhandlung danach die Realität und driftet ins Fiktionale ab. Kissinger selbst hatte die Annäherung der beiden Supermächte mit zwei geheimen Reisen nach China vorbereitet und war dabei, als Nixon kurz nach seiner Ankunft mit dem schon schwerkranken 78-jährigen KP-Vorsitzenden Mao Tse-tung zusammentraf. Kissinger war zu dieser Zeit Nixons Nationaler Sicherheitsberater.

Ein Hardliner als „Eisbrecher“

Mit seiner spektakulären Inszenierung von Meyerbeers Grand Opéra „Die Hugenotten“ in der letzten Spielzeit ist Regisseur Tomo Sugao in Unterfranken noch in bester Erinnerung. Meyerbeer greift die gewalttätigen Ausschreitungen gegen die französischen Protestanten in der Bartholomäusnacht von 1572 auf, während John Adams und Texterin Alice Goodman 400 Jahre später Richard Nixons von großem Medienrummel begleitete Chinareise im Februar 1972 thematisieren.

Es war damals der erste Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten in der Volksrepublik; für Nixons Nachfolger von Ford bis Trump wurde dieser Trip – zu einer Pflichtübung. Als Treppenwitz der Geschichte mutet an, dass ausgerechnet der antikommunistische Hardliner und kalte Krieger Nixon, der im Jahr des China-Besuchs zwar Truppen aus Vietnam abzieht, aber mit massiven Bombardements die Nordvietnamesen zu zermürben versucht, als „Eisbrecher“ nach Peking reist. Doch Nixon will wiedergewählt werden und der UdSSR soll demonstriert werden, wie ernst es die Amerikaner mit der zuvor ausgehandelten Begrenzung strategischer Waffen meinen.

Außenpolitisch reüssiert Nixon, aber „Tricky Dick“ muss in der Watergate-Affäre als erster US-Präsident der Geschichte 1974 zurücktreten, um einem Amtsenthebungsverfahren zuvorzukommen.

Drei Bariton-Rollen

In drei geschmeidigen Bariton-Rollen der in englischer Sprache – mit deutschen Übertiteln – gesungenen Oper sind Daniel Fiolka als sendungsbewusster, aber misstrauischer, ständig auf Medienwirkung bedachter Richard Nixon, Taiyu Uchiyama als protokollarisch-steifer, idealistisch beseelter Premierminister Chou-En-lai und Bryan Boyce als zunächst lautloser, später den Krückstock als Waffe schwingender Henry Kissinger zu erleben. Mit perfekter Mao-Maske und Gestik gibt Charakter-Tenor Paul McNamara einen eher jovial wirkenden Mao Tse-tung, der seine bis zur Besessenheit die blutige Kulturrevolution exekutierende Ehefrau Chiang Ch´ing ohnmächtig oder kalkuliert gewähren lässt. Diese Rolle füllt Akiho Tsujii mit einem glänzenden Kolloratur-Sopran aus, während Silke Evers als lyrischer Sopran mit wachsendem Entsetzen das menschenverachtende Treiben beklagt, an dem auch ihr Mann und Henry Kissinger nicht unschuldig sind, als sie in eine Balletthandlung in der Peking-Oper eingreifen.

Barbara Schöller, Marzia Marzo und Hiroe Ito umschwirren den großen Vorsitzenden Mao und notieren jeden seiner verstörenden Aussprüche. Gleich dreifach begleiten drei Tänzerinnen (Kaori Morito, Caroline Vandenberg und Bianca Hopkins ) jede Aktivität der umtriebigen Madame Mao, während die übrigen Protagonisten durch Felipe Soares Cavalcante (Nixon), Bianca Hopkins (Pat), Aleksey Zagorulka (Kissinger), David Bassénz (Mao), Leonam Santos (Chou En-lai) gedoppelt werden.

Stilmittel der Minimal Music

Mit Verve und scheinbar spielend leicht öffnet GMD Enrico Calesso mit Unterstützung des Sound-Designers Tobias Heß einen überwiegend melodischen Zauberkasten voller Rhythmikwechsel und Einsprengseln; die Partitur von John Adams bedient sich der Stilmittel der Minimal Music und erinnert oft an die serielle Kompositionsweise von Philip Glass. Verblüffende Dynamik entfaltet das mit Keyboard und Saxophon verstärkte Orchester bei den unüberhörbaren Jazzelementen. Wer mit dieser zeitgenössischen Musik, die Konturen verschwimmen, aber auch pointiert herausschälen lässt, noch nicht recht „warm“ geworden ist, kann sich auf ein Überwältigungstheater einrichten, in dem anscheinend Vertrautes plötzlich verfremdet erscheint und Realität und Fiktion unmerklich verschmelzen. Gleich das erste Bild mit drei Astronauten, die vom Himmel einschweben und an die Mondlandung erinnern, vermag die im Plot beschriebene Landung der Air Force One locker in den Schatten zu stellen. Korrespondierend zu den Klängen scheint manchmal alles zu schweben, oft fließt es und immer greift alles nahtlos ineinander auf einer sich ständig drehenden Drehbühne, auf der variablen Säulenelemente nie zum Stillstand zu kommen scheinen.

Gezeigt werden im zweiten Akt in einem trostlosen, aber schön geredeten Damenprogramm für Nixons Frau Pat eine Schule, eine Schweinezucht und eine Fabrik, die Miniatur-Elefanten herstellt. Immer stärker lassen Regisseur Tom Sugao, Julia Katharina Berndt (Bühne) und Pascal Seibicke (Kostüm) und Roger Vanoni (Licht) die Brechungen der Komposition mit verwirrend-befremdlichen und doch wieder vertraut erscheinenden Stilelementen aufscheinen. Die ständige Wiederkehr der fantastisch-surreal gekleideten, wie scheintote Zombies ziellos wie in Zeitlupe wandelnden Figuren auf der Drehbühne erinnern im dritten Akt an die amerikanischen und chinesischen Gründungsmythen vom langen Marsch quer durch China und vom langen Siedler-Treck bis nach Oregon und Kalifornien. In das Gesamtkunstwerk fügen sich bewegungsfreudig und von Yo Nakamura choreografisch mit Akribie in Szene gesetzt der Opernchor, Extrachor und die Ballettcompagnie mit der Komparserie ein. „How much of what we did was good?“ fragt Chou En-lai zum Ende in die vom sinnfreien Treiben erschöpfte Runde, doch eine Antwort bekommt er nicht.