Kultur

Schauspiel Regisseur Calixto Bieito inszeniert am Staatsschauspiel Stuttgart Ödön von Horváths Stück „Italienische Nacht“

Republikaner stemmen sich gegen Faschisten

Archivartikel

Manche Dinge erklären sich erst im Nachhinein. Wie die mit Tressen behängte Schaufensterpuppe vor dem Schauspielhaus in Stuttgart, die vor Vorstellungsbeginn von einigen Darstellern mit roter Farbe besudelt wird. Eine Kunstaktion? Eine übermütige Narretei? Nichts dergleichen. Der früher als „Skandalregisseur“ geltende spanische Opern- und Schauspielregisseur Calixto Bieito, der wiederholt in Mannheim inszenierte, beginnt seine Fassung der 1931 in Berlin uraufgeführten „Italienischen Nacht“ von Ödön von Horváth, die bei der Premiere am Samstag begeistert gefeiert wurde, im Freien: Die Puppe ist als Denkmal des Kaisers gedacht und Teil des Stücks. Ihre Entweihung wird die einzig sichtbare Handlung bleiben, die die Republikaner im Theatersaal später der aufkommenden Macht der Nationalsozialisten entgegensetzen. Und während die Faschisten, mit Aufmärschen und deutschtümelnder live gespielter Blasmusik ihren „deutschen Tag“ ausrufen, tanzen die bürgerlich gesättigten Demokraten in 1930er Kostümen (Sophia Schneider) wie Marionetten ihre Polka im grün-weiß-rot dekorierten Bierzelt (Bühne: Bieito und Helen Stichlmeir).

Unter Bieito wird die „Italienische Nacht“ zum Stück der Stunde. Die parteiinternen Querelen und die Trägheit der Verantwortlichen zeichnet Bieito mit klaren Bildern und sorgt mit Sprechchören für gruselige Gänsehaut. Dabei gerät manches allerdings zu plakativ.

Intensiv in Szene gesetzt

Dennoch ist das intensiv und dicht inszeniert, lässt aber auch Raum für Szenen und Dialoge, die nachwirken, wie beim Übergriff des Faschisten Erich (Matthias Leja) auf Martins Frau Anna (Paula Skorupa), oder wenn sich Karl, den Peer Oscar Musinowski als sympathischen Schwerenöter gibt, zur unfassbar unpolitischen Leni (Nina Siewert) hingezogen fühlt. Auch gelingt es Bieito meisterhaft, den dem Stück innewohnenden Humor einzusetzen, etwa im demütigenden Chauvinismus des Stadtrats gegenüber seiner Frau Adele (Christiane Roßbach), die dann wiederum als Einzige das Wort gegen den Faschisten erhebt. Nicht immer eindeutig ist die Trennung der beiden Lager, die bei genauem Hinsehen indes auch mehr gemein haben als gedacht. Klar aber ist: Am Ende sind die Jungen weg und die Alten haben der neuen Zeit wenig entgegenzusetzen. Von Horváths Volksstück handelt in einer süddeutschen Kleinstadt. Die aber könnte überall sein.

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